Vor oder nach dem Verstummen die Worte wieder finden, oder …

 

Dass die stumme Ehefrau viel­leicht die eigent­liche Erzäh­lerin der Geschichte sein könnte, ist die letzte Provo­ka­tion und Pointe von Bach­manns Erzäh­lung. Ihr Name ist Hanna und verweist auf eine bibli­sche Figur. Die bibli­sche Hanna hatte sich einen Sohn gewünscht und ihn dann im Kindes­alter an Gott „zurück­ge­geben“. Eine vermeint­lich harm­lose Passage, deren meta­pho­ri­sche Schichten Bach­mann hier akti­viert: das Motiv des im Judentum ausge­setzten Menschen­op­fers, „regret­ting mother­hood“ und die Verwei­ge­rung, das Kind für die Gesell­schaft zu erziehen. Mit der Über­blen­dung der Krise des Erzäh­lers mit der – in der Lite­ratur viel uner­hör­teren – Krise einer Erzäh­lerin hinter­fragt Bach­mann eine weitere unserer „hundert­jäh­rigen Gewöh­nungen“: die Tren­nung der Geschlechter in der Lite­ratur. Dieselbe Erzäh­lung, die so selbst­ver­ständ­lich von einer männ­li­chen Figur handelt, lässt sich als Stimme einer weib­li­chen Erzäh­lerin und „Gebär­strei­kenden“ noch einmal ganz neu lesen. In dem Moment, in dem die Geschlechter austauschbar und die Erzäh­lungen aufein­ander hin durch­lässig werden, wird die Verstän­di­gung des Paares, das sich so klischee­haft nichts zu sagen hat, gerade möglich. Der heutige Leser ist dann einge­laden, seine Lese­ge­wohn­heit zu hinter­fragen, die Stimme der „Frau“ als das Allge­meine zu lesen und die Stili­sie­rungen von Kind­heit, Eltern­schaft und „Geschlecht“ als gesell­schaft­liche Probleme zu verstehen.

 

Siehe auch: „Das Wort Mensch als Vokabel …

 

Ingeborg Bachmann, die nach der Bestattung des Dichters in der Friedrichshagener Wohnung die Wärme des Lyrikers noch nachspürt, vielleicht mit ihrer Hand über die abgegriffene Kante seines Schreibtisches streicht oder die letzten Blätter seiner gerade noch fertig gewordenen Erzählung „Litauische Claviere“ erstaunt und dünnhäutig überliest,   wechselt mit Klaus Völker Gedanken über die Hölderlinsche Frage, wozu Dichter in dürftiger Zeit? Sie sagt: „Also, halten wir uns dran, wie er zu glauben, dass Gedichte das Gedächtnis schärfen.“ …

 

Da, wo er – Hölderlin – in der Schweiz war: „Unter den Alpen gesungen

 

 

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