„Völkische Bindungen“

 

Blick nach Rechts , 01.02.2018 :

Völkische Bindungen

Von Andrea Röpke

Die „Identitäre Bewegung“ scheint sich für den Nachwuchs aus rechten völkischen Familien zum politischen Sammelbecken zu entwickeln. Politisch sozialisiert wider den Zeitgeist wurden die jungen Leute bereits durch ihre Eltern beziehungsweise ihre „Sippen“.

Kinder extrem rechter Eltern haben meist keine Wahl. Sie werden als Teil „der kleinsten politischen Einheit“, der Familie, betrachtet und frühzeitig in die Pflicht genommen. Als Jugendliche erleben sie als Angehörige einer homogenen Gemeinschaft weltanschauliche Schulungen und straff organisierte Zeltlager. Fanden viele früher danach eher den politischen Weg zur NPD, so scheint sich aktuell die „Identitäre Bewegung“ als ideales Auffangbecken abzuzeichnen. Gesellschaftliche Aufklärung ist dringend notwendig. Doch als die Zeitschrift „Kontext“ den Chefstrategen der Neuen Rechten und Vater Götz Kubitschek mit den Vorwürfen konfrontiert, will der keine Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Im Sinne rechter Ideologen und Eltern soll der Nachwuchs wohl Feindbilder und Ideologie weitertragen und weiterbreiten, aber gewarnt werden darf vor diesen Machenschaften nicht. Dann ist schnell von „Stalking“ oder gar „Gestapo“-Methoden gegen „die Kinder“ die Rede.

Als Mitte Januar dieses Jahres das neurechte Institut für Staatspolitik (IfS) zur „Winterakademie“ nach Schnellroda lud und vor allem junge Anhänger aus den Reihen von „Identitärer Bewegung“, „Junger Alternative“ oder anderer rechter Kreise erschienen, waren auch vier der Kinder von Kubitschek und seiner Frau dabei, darunter ein Sohn, etwa 14 Jahre alt. Die älteste Stieftochter, 21 Jahre alt, besuchte das einschlägige Seminar ebenso wie zwei jüngere Halbschwestern. Auch in einem bei YouTube online gestellten internen Videoclip der „Winterakademie“ ist die junge Frau zu sehen. Eine ihrer Schwestern, noch keine 18 Jahre alt, lichtete nach einer kurzen Anweisung durch einen jüngeren Mann wie in „Anti-Antifa“-Manier auch Gegendemonstranten und Medienvertreter auf der anderen Straßenseite ab.

Durch die Familie politisch „geprägt“ und „widerständig“ erzogen

Zwei Töchter der Familie aus Schnellroda besuchten bereits 2017 einen „Maiball“ im Haus der antisemitischen Sekte „Bund für Gotterkenntnis – Ludendorffer“ im brandenburgischen Kirchmöser, wie Bilder des „Presseservices Rathenow“ und des „Rechercheteams Wismar“ belegen. Gemeinsam mit Jugendlichen aus den Reihen der rechten völkischen und bündischen Organisationen „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“ und „Der Freibund“ schwangen die beiden demnach das Tanzbein. Nur wenige Wochen später dann beteiligten sich die jungen Frauen am Aufmarsch der „Identitären Bewegung“ im Juni 2017 in Berlin. Auf die Frage einer Reporterin, warum sie mitmarschierten, antwortete die jüngere der beiden: „Wir halten es für das Richtige, hier für Deutschland zu kämpfen.“ Ob Deutschland bedroht sei, hakte die Interviewerin nach: „Ja, schon vom großen Austausch. Dass hier das deutsche Volk gegen andere Kulturen ausgetauscht wird.“

Die ältere Schwester war nach Recherchen des Fachportals „lsa-rechtsaußen“ ein Jahr zuvor an der IB-Blockade der CDU-Zentrale in Berlin dabei. Bereits 2012 tauchte ihr Name mehrfach in der Zeitung „Na klar“ des „Freibunds“ auf, 2013 schrieb sie einen kleinen Artikel voller Pathos. Der Weg von der rechten Jugendgruppe zu den rechten Spontis von der IB scheint vorgezeichnet. Denn der Vater beziehungsweise Stiefvater der jungen Frauen gilt als deren „Spiritus Rector“. Eine der beiden Schwestern bestätigt auf der Demonstration in Berlin vor laufender Kamera, dass sie durch ihre Familie politisch „geprägt“ und „widerständig“ erzogen worden sei.

Deutsches Volkstum hält Einzug bei den identitären Hipstern

„Dat du min Leevsten büst dat du woll weeßt“ singen sie und tanzen dazu im Reigen, die Röcke der jungen Frauen wiegen sanft. Musikalisch wird das niederdeutsche Volkslied von drei Frauen in Dirndl begleitet, sie spielen hingebungsvoll Geige und Akkordeon. Passanten bleiben neugierig stehen und lauschen den heimatlich anmutenden Klängen am Jungfernstieg in Hamburg. Doch der Auftritt ist kein Privatvergnügen, sondern rechter Aktionismus. Die „Identitäre Bewegung“ (IB) Hamburg und Niedersachsen postete das kurze Video Ende 2016, es ist immer noch online. Im Januar 2017 hielten die norddeutschen Sektionen der „Identitären Bewegung“ zudem ihr erstes „Volkstanzwochenende“ an geheimem Ort in der Lüneburger Heide ab.

Wo einst die neonazistische „Wiking-Jugend“ ihr Zentrum hatte, liegt heute wieder ein Schwerpunkt extrem rechter Jugendaktivität. Dort wo es ein kaum überschaubares Geflecht völkischer Familienverbände gibt, deren Kontakte bis in die AfD und NPD reichen, wird Brauchtum mit Sonnenwenden, Härtemärschen oder Volkstänzen gepflegt. Es ist kein Zufall, dass deutsches Volkstum und deren Rituale Einzug bei den identitären Hipstern halten. Nicht nur unter den Tänzern und Musikern ihres Werbevideos sind eben jene jungen Leute, die wie Hildburg, Irmhild, Meinolf oder Alf deutschtümelnde Namen tragen, weil sie Sprösslinge nationalistischer Familien sind.

„Sturmvogel“-Mitbegründer bei IB-Veranstaltungen

Politisch sozialisiert sind nicht nur in ihren „Sippen“, sondern rechte Organisationen wie die verbotene „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ), der „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“ oder der „Freibund e.V.“ haben Vorarbeit geleistet. Gerhild Drescher, die ehemalige Bundesführerin des „Deutschen Mädelwanderbundes“ ist heute ebenso bei Veranstaltungen der IB wiederzufinden wie der Mitbegründer des „Sturmvogels“ aus Mecklenburg-Vorpommern, Rudi Wittig. In der „Identitären Bewegung“ Deutschlands findet weitaus mehr völkischer Nachwuchs eine neue politische Heimat als bisher bekannt. Drill und Erziehung wider den Zeitgeist tragen Früchte.

Bisher scheute der nationalistisch geprägte Teil der völkischen Jugend allzu viel Aufmerksamkeit. Erst mit dem Durchstarten der neuen AfD-nahen Vorfeldjugend sind sie wieder öffentlich anzutreffen. Wie die niedersächsischen Schwestern Hildburg und Irmhild, Töchter einer szenebekannten völkischen Familie. Die beiden besuchten bereits als Jugendliche mit dem Vater Aufmärsche der „Jungen Landsmannschaft Ostpreußen“ in Dresden. Aktuell scheinen sie für die IB aktiv zu sein. Die beiden Schwestern zeigen sich, musizierend und tanzend, auf dem Werbe-Video an den Hamburger Landungsbrücken.

Pädagogische Arbeit der verbotenen HDJ war „auf die ganze Nation gerichtet“

Vor allem die 2009 vom Bundesinnenministerium verbotene „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ) hatte ähnlich ihrem Vorbild der „Wiking-Jugend“ die neonazistische Elite von morgen heranzüchten wollen. Mit Erfolg. HDJ-Zöglinge wie Nils Altmieks führen heute die „Identitäre Bewegung“ mit an oder zeigen wie Alf Börm Zustimmung bei deren Demonstration in Berlin. Die pädagogische Arbeit der „Heimattreuen Deutschen Jugend“, unter anderem „Rassenkunde“, um „die Blutreinheit wieder herzustellen“, war von Anfang an nicht ausschließlich auf den eigenen Nachwuchs gerichtet, sondern auf „die ganze Nation“. Es ging darum, „kompromisslos für die Verbreitung“ ihrer Ideologie auf „breiter Front“ zu sorgen. Das geht aus der Verbotsverfügung des Bundesinnenministeriums hervor. Ebenso, dass es in der HDJ einen „eindeutigen Appell“ gegeben habe, „in Schule Ausbildung, Studium und Beruf mit Ehrgeiz und Ausdauer entscheidende Positionen zu besetzen“.

Auch harmlos anmutende, aber äußerst konspirativ agierende Gruppen wie der „Sturmvogel“ liefern eine „umfassende Schulung, die eine ideologische Festigung nach sich zieht“, erklärt der Potsdamer Wissenschaftler Gideon Botsch vom Moses Mendelssohn-Zentrum. Botsch weist darauf hin, dass bereits die beiden inzwischen verbotenen Gruppierungen „Wiking-Jugend“ und HDJ bündische Elemente mit nationalsozialistischen Grundwerten verbanden. „Gruppen wie sie versuchen, die historische Jugendbewegung für sich zu vereinnahmen“, erklärt Botsch. Es gehe darum, Kinder und Jugendliche gegen die bundesdeutsche Gesellschaft zu immunisieren.

Politisch unbelastete junge Frauen als „eyecatcher“

Diese Generation völkischer Nationalisten begeistert sich für die „Identitäre Bewegung“ als politisches Sammelbecken. Obwohl die sich seit etwa 2014 gern als moderne, fröhliche Patrioten präsentieren und verkünden: „Unser Weg ist demokratisch, bodenständig und weltoffen.“ Stringente Verbindungen ins Geflecht völkischer Familien und deren Erziehungs-Organisationen könnten die „Identitären“ allzu schnell mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen. Das gilt es zu vermeiden, denn die extrem rechten Hipster um den Wiener Martin Sellner ziehen ihre Attraktivität vor allem daraus, etwas Neues und Provokantes zu bieten, da stört ewiggestrig Anmutendes nur. Ihre Inszenierungen wie die Besetzung der CDU-Parteizentrale in Berlin oder die Kletteraktion auf das Brandenburger Tor sollen frisch und frei erscheinen und einen Bruch zum althergebrachten Nationalismus darstellen.

Viele Kinder aus rechten Familien, aufgewachsen mit einem Leben für die „Volksgemeinschaft“ stellen demnach ein ideales Rekrutierungspotenzial dar. Vor allem junge Frauen wie die Schwesternpaare sind demnach verlässlicher Bestandteil politischer Arbeit und dienen insbesondere in der Öffentlichkeit als „eyecatcher“, weil sie politisch unbelastet scheinen. Vom Erfolg der AfD profitieren nicht nur die „Identitären“, sondern eben auch Organisationen, aus denen der Nachwuchs stammt. Dazu gehören neben Burschenschaften, Korporationen oder Deutscher Gildenschaft auch völkisch-nationalistische Organisationen. Es stellt sich zwangsläufig die Frage: Warum ist kaum etwas bekannt über deren politische Vorarbeit an Kindern und Jugendlichen?

Zu verschworenen Mitgliedern einer elitären „Volksgemeinschaft“ geformt

Die bereits 1994, wegen ihrer Wesensverwandtschaft zum Nationalsozialismus verbotene militante „Wiking-Jugend“ hätte Warnung genug sein können. Durch ihre harte und militärische Schule gingen nach eigenen Angaben rund 15.000 Jugendliche, viele sind bis heute in der Neonazi-Szene führend aktiv, wie Thorsten Heise oder Stefan Köster. „Wer frühzeitig Zeltlager, Drill, Gewaltmärsche oder Mutproben der Nachfolgeorganisation HDJ erlebte, gilt als politisch gefestigt und ist für nationalistischen Aktionismus besonders geeignet“, bestätigt auch Wissenschaftler Gideon Botsch. Verbote können die pädagogische Arbeit der Völkischen nicht aufhalten, immer noch ist zum Beispiel trotz Verbotes der HDJ im Jahr 2009 ein Ableger im so genannten „Hermannsland“ in Ostwestfalen sehr aktiv.

Eindrucksvoll hat Heidrun Benneckenstein in dem Buch „Ein deutsches Mädchen“ über ihre von nationalsozialistischem Denken und Fanatismus geprägte Kindheit und den Lagern der HDJ berichtet. Wie andere betroffene Kinder wuchs sie mit Feindbildern als wichtiger Bestandteil elterlicher Pädagogik heran. „Kleine Kameraden“ erhalten ungefiltert die volle Dröhnung an NS-Gedanken- und Liedgut und fühlen sich als Teil einer deutschen „Schicksalsgemeinschaft“. Wehrhaftigkeit und Maskulismus wie er auch bei den „Identitären“ propagiert wird, stößt insbesondere beim völkischen Nachwuchs auf Zuspruch. Frühsport und „Trainingslager“ wie sie die IB immer wieder durchführt, sind sie längst gewohnt. Fernab von der Aufmerksamkeit durch Polizei, Verfassungsschutz oder Öffentlichkeit werden Kinder aus den Reihen deutschtümelnder Sippen zu verschworenen Mitglieder einer elitären „Volksgemeinschaft“ geformt. Unbehelligt können sich Organisationen wie der „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“ des Nachwuchses annehmen, obwohl längst bekannt ist, dass Holocaust-Leugner und NPD-Aktivisten in deren Reihen zu finden sind. Bekannte Namen der Neuen Rechten, wie der Gründer des Jugendmagazins „Blaue Narzisse“ Felix Menzel gehörten zum „Freibund – Bund heimattreuer Jugend“ (heute: „Der Freibund“).

Organisierter Kinder-Drill weiter im Verborgenen

Durch den Erfolg der AfD verspürt auch diese Szene Aufwind. Immer mehr Völkische, zu deren Hauptaufgaben vorher die Stärkung der Gemeinschaft nach innen sowie die kommunale Verwurzelung zählte, unterstützen die AfD oder die „Identitäre Bewegung“ öffentlich. Der organisierte Kinder-Drill aber soll unantastbar bleiben und weiterhin im Verborgenen laufen. Die Präsidentin des niedersächsischen Verfassungsschutzes, Maren Brandenburger, räumte in der TV-Dokumentation „Völkische Siedler – Schattenwelten auf dem Land“ ein, dass sich HDJ und „Sturmvogel“-Veranstaltungen ähneln würden und ihre Behörde das daher „sehr ernst“ nähme. Doch passiert ist bisher nichts. Warnungen und Aufklärung von Seiten der Behörden sucht man vergebens.

Bildunterschrift: Neue politische Heimat für den völkischen Nachwuchs? Hier Aktivisten der IB bei einer Demo in Berlin im Sommer 2016.

( Alles zitiert von hiergeblieben.de )

 
 

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