Unwählbar: „Der #Heimat-Hype. Zur einer «grossen Koali­tion» in der poli­ti­schen Semantik …“

 

In den aktuellen Diskussionen wird der «Heimat»-Begriff zum Fetisch. Wenn nun auch die politische Linke die identitäre Lesart zur natürlichen Grundannahme verklärt, arbeitet sie einer plakativen Eindeutigkeit zu, die schon Max Frisch als «Chauvinismus» bezeichnet hat.

 

Zu diesem politisch menschheitsverbrecherisch mißbrauchten Begriff „Heimat” hier mehr …

Wolfgang Bittner: Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen – Besprechung, Rezensionen zu dieser Neuerscheinung hier …

 

Neue Westfälische – Herforder Kreisanzeiger, 21.05.2019:

Die Wiederkehr der Heimat

Literarisch-kritischer Abend: Thomas Ebermann und Thorsten Mense präsentieren im Fla Fla ihren Anti-Heimatsabend als „Besichtigung des Grauens“

Von Ralf Bittner

Herford. „Noch vor 20 oder Jahren war Heimat ein Begriff, der ausschließlich von Nazis und Ewiggestrigen verwendet wurde“, sagt Thomas Ebermann zu Beginn des gemeinsam mit Thorsten Mense konzipierten Anti-Heimatabends „Heimat – eine Besichtigung des Grauens“ im gut gefüllten Veranstaltungsraum des Sozialen Zentrums Fla Fla. „Schlager und volkstümliche Musik hätten wir als mit ihren Publikum aussterbende Genres belächelt.“ Tatsächlich sehe die Wirklichkeit aber anders aus.

„Das Blumen-und-Boden Magazin „Landlust“ mit einer Auflage von um die 800.000 Exemplaren hängt Nachrichtenmagazine wie den Spiegel um mehrere Hunderttausend Exemplare ab, der Volks-Rock ’n’ Roller Andreas Gabalier verkauft Millionen Alben und die Umsätze in der Trachtenmode-Industrie explodieren“, sagt Ebermann, Grünen-Mitgründer und seit seinem Austritt als Protest gegen deren realpolitische Tendenz vor allem publizistisch tätig. Wobei oft scharfsichtige Analyse und Satirisch-Polemisches zusammenkommen.

Gemeinhin sei Heimat so etwas wie der Ort, an dem ein vermeintlich natürliches Sehnen nach Geborgenheit und Sicherheit erfüllt werde, oft verknüpft mit der Gegend in der ein Mensch aufgewachsen ist und idyllisch verklärten Bildern des ländlichen Raums. Gerne werde etwa der idealtypische heimatliebende Mensch mit einem tief in der Scholle verwurzelten Baum verglichen. Heimat, für Ebermann und Mense nur schwer vom Begriff der NS-Volksgemeinschaft zu unterscheiden, sei seit dem 19. Jahrhundert ein ideologisches Konstrukt, um den Menschen ihre tatsächlich schlechte Lage als zum Verkauf ihrer Arbeitskraft gezwungene Menschen erträglich zu machen. Sie sei somit ein Instrument derer, die zu den Gewinnern in der bestehenden Gesellschaft zählen. „Wer sich in die Heimat flüchtet, will die Welt nicht ändern, sondern die Menschen mit den Verhältnissen versöhnen“, sagt Mense.

„Heimat ist dort, wo das Wir Bedeutung bekommt“, sagt Ebermann, „ein Wir, das immer auch den Ausschluss derer enthält, die nicht dazu gehören, verbunden mit der Drohung von Vertreibung bis hin zu Mord. Der klassische Fremde ist der Jude als ewig nicht an die Scholle gebundener Wanderer. Aber auch Einheimische, die sich Tümelei und anderen Normen widersetzen – Nestbeschmutzer eben – können zu Fremden werden.“

Die Nazi-Parole „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“ habe nie nur Ausländer gemeint. Im Namen von Idyll, Harmonie, Tradition, Brauchtum oder Familie werde gegen die Fremden und das Fremde zu Felde gezogen. Inzwischen belegen, so Ebermann, empirische Studien den Zusammenhang: Je mehr Heimatliebe, desto ausgeprägter die rassistische Gesinnung.

Angesichts dieser Analyse erteilen Mense und Ebermann während ihres mit Video-, Musik- und Bildbeispielen angereicherten Abends allen Versuchen einen „demokratischen“ oder gar „linken“ Heimatbegriff zu entwickeln, eine Absage. Kaum noch zu unterscheiden sei, welcher Slogan woher komme. „Heimatliebe ist kein Verbrechen“ polterte die „neofaschistische Identitäre Bewegung“ vor wenigen Jahren. Heute ziehe jede Partei mit Heimatslogans in die Wahlkämpfe – für die Vortragenden eine fatale Entwicklung. Die Idee der Heimat solle besser den Rechten überlassen werden, denn da gehöre sie hin. Die Linke solle nicht dafür eintreten, dass alle eine Heimat haben, sondern dafür, dass niemand mehr eine brauche.

Das Buch zum Vortrag Thomas Ebermann: Linke Heimatliebe. Eine Entwurzelung, Konkret Literatur Verlag; ISBN 978-3-930786-87-9; 148 Seiten; 19,50 Euro.

Bildunterschrift: Pointiert: Thomas Ebermann (l.) und Thorsten Mense blicken auf unterhaltsame Weise in die Abgründe der gefühlsbetonten Heimatliebe.

( Zitiert nach hiergeblieben.de )

 

Siehe auch: „Braune ‚Wählergemeinschaft Heimat’

 

 

© 2019, ICH-Biographieberatung. All rights reserved.


 
 
 

Die Kommentarfunktion zu diesem Beitrag wurde deaktiviert.