Mit dem Personal gehts wieder einmal — ja, wohin!?

 

Neue Westfälische – Kreiszeitung für Warburg, 26.10.2018:

Wirt bricht Veranstaltung ab

Mahnwache: Auf Einladung der AfD sollte Schwester Hatune im Ratskeller über die Christenverfolgung im Nahen Osten berichten / Rund 40 Warburger protestierten zu Beginn vor der Gasthaustür gegen rechte Hetze

Von Dieter Scholz

Warburg. Sie wollten ein Zeichen setzen: Zu einer Mahnwache vor dem Ratskeller in Warburg hatten am Mittwochmorgen Ricardo Blaszczyk, Kreissprecher der Grünen, und Nora Wieners, stellvertretende Vorsitzende der Warburger Sozialdemokraten, in den Sozialen Medien aufgerufen. Rund 40 Menschen hatten sich daraufhin am Abend vor der Gaststätte eingefunden, um ihren Protest gegen rechte Hetze und Fremdenfeindlichkeit schweigend auszudrücken.

Der konkrete Anlass war eine öffentliche Veranstaltung der AfD. Der Höxteraner Kreisverband der Partei hatte Schwester Hatune Dogan zu einem Vortragsabend in die Gaststätte Zwischen den Städten eingeladen. Sie sollte aus ihrer Sicht über die Situation der Christen im Nahen Osten berichten.

Die syrisch-orthodoxe Nonne leitet von Rimbeck aus eine Stiftung, die weltweit notleidenden Menschen hilft. Schwester Hatune war erst am Nachmittag von einer Reise aus der Türkei zurückgekehrt.

Eine halbe Stunde vor den Beginn der Veranstaltung hatten sich rund 40 Warburger Bürger vor dem Gasthof versammelt. Man wehre sich gegen eine Partei, die nicht demokratisch sei, nannte Ricardo Blaszczyk in seiner kurzen Ansprache den Grund der Versammlung und erteile jeglichem fundamentalistischen Gedankengut eine Absage. Blaszczyk wies im Zusammenhang mit dem Auftritt von Schwester Hatune auch auf eine Vereinnahmung seitens der AfD von Personen, „die ihren Zwecken dienlich sind“, hin. Um den Protest auszudrücken, brauche man in Warburg keine Tomaten zu werfen, „denn wir sind viele“, schloss der Grünen-Sprecher. „Wir wollen ein Zeichen setzen“, bekundete Nora Wieners, stellvertretende Stadtverbandsvorsitzende der SPD, anschließend auf der Rathaustreppe. Jeder Mensch sei willkommen und es brauche viele Stimmen, um gegen Ausgrenzungen zu demonstrieren. Die AfD sei keine kleine Partei. „Auch in Warburg nicht“, mahnte Wieners.

Nur gut eine Viertelstunde lang verfolgten die 17 Zuhörer im Saal den Ausführungen von Schwester Hatune. Dann wurde ihr Vortrag abgebrochen. Der Pächter der Gastwirtschaft hatte die Teilnehmer gebeten, die Räume zu verlassen. AfD-Kreissprecher Norbert Senges bat die Zuhörer, „den Wunsch der Gastwirte zu respektieren“. Vor der Tür seien Gäste von einigen der Demonstranten angepöbelt worden. Er selbst habe sich Beleidigungen gegenüber gesehen. Da war allerdings der Großteil der Mahnwachler schon weg. Im Corvinushaus, nur eine Straße entfernt, tagte der neu gegründete Verein „Zweite Heimat“, der ebenfalls um 19 Uhr zur Versammlung gerufen hatte.

Sie wolle keinen Anlass für Konflikte geben, hatte die syrisch-orthodoxe Christin gleich zu Beginn ihres Vortrags betont. Sie sei kein politischer Mensch und habe mit Parteien nichts zu tun, bekräftigte sie. Sie leite eine Stiftung, die einfach Notleidenden helfe. „Ich bin ein praktischer Mensch und an Politik nicht interessiert“, hielt Schwester Hatune im Saal übers Mikro fest. „Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, habt ihr mir getan“, dieses Jesu-Wort aus dem Matthäus-Evangelium sei ihr und ihrer Stiftung Auftrag.

381 Mädchen habe sie mit Hilfe der Stiftung seit 2007 aus Händen der Salafisten und der Terrororganisation IS befreit, wurde Schwester Hatune dann konkret. Für die Freilassung der letzten 17 Mädchen habe sie rund 30.000 Euro zahlen müssen, sagte sie und bedankte sich bei den Spendern aus der Region. Mit dem Geld habe sie im Nordirak die entführten Frauen freikaufen können, berichtete sie (die Warburger NW hatte am 23. August über den Fall geschrieben). Es folgte ein kurzer Verweis auf ihre 22 Bücher, die sie über ihr Leben und Wirken in vier Sprachen geschrieben habe, dann übernahm AfD-Kreisvorsitzender Senges das Mikro. Verbale Gewalt sei eben auch Gewalt, kommentierte er beflissen das Verhalten eines Teils der Demonstranten. Wasser auf die Mühlen des Publikums am langen Tisch.

Der sich kam breitmachende Protest fiel in oft gehörten rhetorischen Floskeln wie „Sind wir schon wieder soweit wie 1945 und 1989?“ oder „Und die Polizei stand wieder einmal daneben“ aus. Man stand auf, ließ untereinander seinen „wieder einmal bestätigten“ Vorstellungen freien Lauf, verabschiedete sich und ging.

Zurück blieb eine Nonne, die darauf aufmerksam machte, dass sie ihre Vorträge auch an der Warburger Volkshochschule halte. Der freie Abend: „Ein Geschenk“, so die Referentin des Abends. Schwester Hatune war um 3 Uhr in der Nacht in ihrem Geburtshaus im Dorf Zaz im Südosten der Türkei aufgestanden, drei Stunden über Land bis zum Flughafen gefahren, am Nachmittag in Düsseldorf gelandet und dort vom Warburger Veranstalter abgeholt worden. Sie werde jetzt schlafen gehen.

Aus Sicht der Polizei, die, so Polizeisprecher Jörg Niggemann, „vorsorglich“ mit drei Streifenwagenbesatzungen die Szenerie auf der Straße Zwischen den Städten beobachtet hatte, verlief die angemeldete Mahnwache „friedlich und von beiden Seiten störungsfrei“.

„Um 19.20 Uhr haben wir die Versammlung aufgelöst“, sagt Grünen-Sprecher Ricardo Blaszczyk. Der AfD-Vorstand Norbert Senges und Klaus Meyer aus Höxter habe zuvor mit den verbliebenen jugendlichen Teilnehmern vor der Tür diskutieren wollen. Worte wie „Unverschämtheit“ und die Wirte würden sich bedroht fühlen, seien gefallen, sagt der Organisator der Mahnwache. Allerdings räumt er ein, dass „jugendlicher Protest ein wenig lauter und ruppiger in der Wortwahl“ ausfallen könne. Ein „Schämt euch!“ sei sicher dabei gewesen. Mehr aber auch nicht. Wortscharmützel. Blaszczyk drückt seinen Respekt vor dem Warburger Wirte-Ehepaar aus, das sich „eindeutig positioniert“ habe.

Das Ratskeller-Team zog noch am Abend Konsequenzen: „Wir haben ein multikulturelles Personal und distanzieren uns von jedem rechten oder sonst wie gearteten Gedankengut.“ In Zukunft werde man keiner Partei mehr Raum für Propaganda einräumen, ist im Facebook-Auftritt der Gastwirtschaft zu lesen.

Bildunterschrift: Kurze Ansprache: Ricardo Blaszczyk, Sprecher der Grünen im Kreis Höxter, warnte beim Protest am Ratskeller vor fundamentalistischem Gedankengut.

Bildunterschrift: Protest vor dem Ratskeller: Nora Wieners und Ricardo Blaszczyk (v. l.) hatten zur Mahnwache aufgerufen.

Kommentar / Zukunft hat, wer offen bleibt

Von Dieter Scholz

Da mutiert die Hansestadt unversehens zum Nabel der Welt. Der ganz eigenen Welt. Wenn Menschen in einer Blase aus Sorgen, Lügen oder Ablehnung gefangen sind, ist das Gespräch unmöglich. Und gerade mit dem Begriff Entfremdung lässt sich heute die Gesellschaft so herrlich herrschaftlich spalten. Arrogant und immer von oben herab. Der politische Demokratie-Gedanke taugt da keineswegs als Kategorie. Denn der Nabel der Welt ist immer der Nabel des ganz persönlichen Lebenshorizontes. Das Leben in Blasen nährt sich aus Frust und erzeugt Frust. Ob Frust aus Furcht vor der aus welcher Ecke oder Zeit auch immer hereinbrechenden Welt. Für die einen gipfelt der Frust in der Angst vor weltweiten Fluchtbewegungen, für die anderen in der Angst vor der Hetze populistischer Rechtsausleger.

Positiv und negativ im Leben Erfahrenes zu kanalisieren, ist für jeden Einzelnen eine Kunst. Als Handwerk, das der Kunst immer vorausgeht, steht der Respekt vor der Würde des Anderen. Der Welt des Neuen und Fremden weicht der demokratische Diskurs nicht aus. Zukunft hat, wer sich wehrt und dabei offen bleibt.

Apropos Handwerk: Mit ihren Auftritten am Mittwochabend haben sich medial sowohl die Rimbecker Schwester, als auch die Demonstranten einen Bärendienst erwiesen. Aufmerksamkeit erheischt nur die AfD, und die weiß es zu nutzen.

dieter.scholz@nw.de

 

(Alles von  hiergeblieben.de  ; Hervorhebung G.Thr.)

 

Siehe auch: „Person und Personal

 

 

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