Gute Vorsätze: „… weiter Zeichen setzen … gegen den wieder erstarkenden Nationalismus …“

 

… oder: Kluge Reden halten kann jede(r) …

 

Mindener Tageblatt Online, 30.12.2017:

Leserbriefe / Zeichen setzen

Betr.: „Gedenken und Mahnung“, MT vom 23. Dezember

Der Portaner Bürgermeister und Vorsitzende des Vereins KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte und sein Stellvertreter weisen im Kontext des Besuchs aus Israel, im Gedenken an die jüdische Familie Pinkus, zu Recht daraufhin, dass öffentlich praktizierte Erinnerungskultur Wegweiser für die Zukunft ist. Dafür muss man den Protagonisten der Aktion herzlich danken. Die ständige gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit macht die Verhaltensdefizite deutlich. Dass wir heute 90 Abgeordnete im Reichstag sitzen haben, die die Erinnerung an den Holocaust, die staatliche Intoleranz und Bevormundung inzwischen als Belastung empfinden, indem sie vom Mahnmal der Schande und dem neuen Stolz auf deutsche Soldaten sprechen, ist Ergebnis von tiefgreifendem politischen und gesellschaftlichen Versäumnis und keine zufällige Entwicklung. Wir alle haben versagt. Wir erlauben es ihnen. Gesellschaftliches Versagen ist immer kollektives Versagen als Summe individuellen Versagens.

Dass wir heute wieder offenen Antisemitismus erleben müssen mit menschenverachtenden Anfeindungen, wie akut vor einem jüdischen Berliner Restaurant, ist das Ergebnis mangelnder individueller und staatlicher Konsequenz im Umgang mit dem Antisemitismus. Die Null-Toleranz-Politik gegen den Antisemitismus findet nicht statt, angesichts brennender israelischer Fahnen am Brandenburger Tor. Dazu gehört auch, dass wir dem Adel des Mittelalters und der frühen Neuzeit und den aggressiven preußischen Nationalismus, des 18., 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, die den militanten Antisemitismus getragen haben, nicht ständig dadurch überhöhen sollten, in dem wir ihnen Vorbildfiktionen zumessen und sie dafür feiern. Wer heute zum Beispiel von preußischen Tugenden spricht, sollte wissen, dass es die gar nicht gibt. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf dem Wittekindsberg ist Synonym für zentraleuropäischen und imperialen preußischen Macht- und Führungsanspruch. Es verstellt den Blick auf ein Europa gleichberechtigter Völker, in denen nicht der Gleichschritt regiert, sondern der Verstand und die Verfassung.

Wenn ein vermutlich historisch unaufgeklärter und in der geschichtlichen Reflektion eingeschränkter Stadtrat einstimmig beschließt, eine Kindertagesstätte, vom wirtschaftlich völlig unsinnigen Umbau einer Berufsschule einmal ganz abgesehen, Julianen-Kita zu nennen, und das mit Bildungsreformen und Wohltaten für entrechtete Untertanen der Landgräfin Juliane begründet, die die nur wenige Jahre dauernde Regentschaft zusammen mit dem Vormund ihres Sohnes Georg Wilhelm ausübte, dann ist das eine völlig missglückte Erinnerungskultur.

Hier fehlt die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Juden waren im 18. Jahrhundert in Schaumburg Menschen „dritter Klasse“, rechtlich nicht gleichgestellt, dem Christen-Hass ausgesetzt und mussten für ihren physischen Schutz an den Landesherren Schutzgeld bezahlen. Geprägt war die Co-Regentschaft der Gräfin im Umgang mit den wirtschaftlichen Hinterlassenschaften militärischer Exzesse des Vorgängers, die die Grafschaft in eine existentielle Krise gestürzt und die Bürger verarmt hatte. Pflichten einer Regentschaft im Rückblick zu glorifizieren hilft der gesellschaftlichen Entwicklung nicht weiter.

Die Schaumburger Politiker in Stadthagen, Hannover und Berlin klatschen dafür in den Zeitungen Beifall. Die Politik, der Rat der Stadt, der Bürgermeister, die Kulturbeauftragte, hätten ein Zeichen setzen und den Namen eines jüdischen Kindes als Namenspatron wählen können, was die Stadt in Richtung Gaskammern verlassen musste oder von der SA im Juden-Pogrom 1938 zu Tode getreten wurde. Auch ein im fürstlichen Steinbruch Steinbergen erschlagener jugendlicher Fremdarbeiter von 13 oder 14 Jahren, hätte Namensgeber sein können. Leider findet dieses Denken in der rechtslastigen politischen Szene Bückeburgs nicht statt, und es gibt keine niedersächsischen und Schaumburger Politiker und Journalisten die sensibel genug sind diese Zeichen der Solidarität zu verstehen und in eine noch aufzubauende, immer noch nicht vorhandene, Erinnerungskultur zu integrieren. Ich kann nur hoffen, dass Porta Westfalica weiter Zeichen setzen kann gegen den wieder erstarkenden Nationalismus in der Region.

Hans Ulrich Gräf, Cammer

Hervorhebung G.Thr. – Zitiert nach hiergeblieben.de

 

 

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