Geschichtsvergessenheit: „Sie sind erstaunt, dass sie in der Nähe eines so bedeutsamen Ortes der Nationalsozialisten wohnen – und dass sie erst so spät darüber erfahren.“

 

oder: Ein Zustandsbericht, der auf jedes deutsche Gymnasium genau so zutreffen würde

 

Deister- und Weserzeitung, 10.01.2018:

Lehrer für Mahnmal am Bückeberg

Pädagogen widersprechen Gegnern der Info-Stätte: Begehung des Ortes didaktisch wertvoll

Von Philipp Killmann

Hagenohsen. In der am Montag ausgestrahlten Sendung des NDR-Kulturjournals haben Gegner der geplanten Info-Stätte zu den „Reichserntedankfesten“ in Hagenohsen erneut den pädagogischen Wert einer begehbaren Einrichtung am Bückeberg infrage gestellt. Doch wie fundiert ist diese Kritik?

Projekt-Initiator Bernhard Gelderblom vom Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte betont in seinem Entwurf, dass sich die Info-Stätte vor allem an Jugendliche richten soll (wir berichteten). Lehrer wie Bettina Tovar-Luthin (Deutsch, Geografie) vom Viktoria-Luise-Gymnasium und Henning Eimer (Geschichte, Deutsch, Politik) von der Handelslehranstalt sind von dem didaktischen Konzept für das Mahnmal überzeugt. Sie sind sich sicher, dass sich ein begehbarer Bückeberg gut für die Vermittlung komplexer Unterrichtsinhalte anbieten würde. Auch daran, dass die Info-Stätte von den Schülern angenommen werden würde, zweifeln die beiden Pädagogen nicht.

Die entscheidende Frage, die sich Tovar-Luthin als Lehrerin immer wieder stelle, sei: „Welcher Schlüssel passt, um pubertierende Schüler zu erreichen?“ Vor diesem Hintergrund habe sie die Erfahrung gemacht, dass „originale Begehungen“ gut funktionierten. Nicht obwohl, sondern gerade weil sich die Jugendlichen Tovar-Luthin zufolge heute „überwiegend in virtuellen Welten“ bewegten, mit ihren Smartphones, dem Tablet und am PC. Eine Stätte, wie sie am Bückeberg geplant ist, sei daher wie ein „Anker“, um Bildungsinhalte zu vermitteln. „Die neuen Informationen verknüpfen sich mit einem Erlebnis“, schildert die Lehrerin. „Die Schüler denken daran zurück und erinnern sich.“ Der Bückeberg als Info-Stätte böte sich zudem an, um „vom Nahen zum Fernen“ zu arbeiten. Schließlich befinde sich mit dem Bückeberg ein Geschichtskapitel von überregionaler Bedeutung unmittelbar vor der Haustür der Schüler. Es falle Schülern leichter, sich an Hand eines Beispiels aus ihrem Lebensumfeld einem komplexen Thema anzunähern. So lasse Tovar-Luthin ihre Schüler im Deutschunterricht beim Thema Rhetorik eine Brücke schlagen: von den Reden von Propagandaminister Josef Goebbels zu den Propagandaveranstaltungen in Form der „Reichserntedankfeste“ am Bückeberg.

In Anbetracht dessen, dass unlängst nur drei ihrer Schüler im Alter von 17 Jahren etwas über die Geschichte des Bückebergs gewusst hätten, halte Tovar-Luthin die geplante Info-Stätte für „extrem wünschenswert“. Gleichwohl hält sie begleitende Führungen der Jugendlichen für unerlässlich. „Die Schüler vor eine Info-Tafel zu stellen, das reicht nicht“, meint sie.

Deshalb mahnt Lehrer Henning Eimer, dass die Texte auf den Tafeln nicht zu lang werden dürften. „Niemand liest stundenlang auf einem Feld“, befindet Eimer. Doch den Bückeberg als informative Begehungsstätte befürwortet er.

Eimer kritisiert die Gegner der Stätte für den Versuch, die Reicherntedankfeste auf eine lokale Bedeutung herunterzureden. „Sie waren von überregionaler Bedeutung“, sagt er. Er könne zwar nicht für alle Bundesländer sprechen, aber er wisse von vielen, dass die Reichserntedankfeste am Bückeberg in den Lehrbüchern, etwa von Hessen und Berlin, thematisiert würden. Das Bild von Reichskanzler Adolf Hitler, wie er über den Bückeberg geht, sei „ein Klassiker“.

Die Reichserntedankfeste am Bückeberg bieten sich laut Eimer gut als Unterrichtsinhalt an. An ihnen ließen sich mehrere Grundpfeiler der NS-Herrschaft veranschaulichen: Propaganda und die Stärkung der Volksgemeinschaft durch Massenveranstaltungen und die Ausgrenzung anderer, das faschistische Führerprinzip der so genannten charismatischen Herrschaft am Beispiel von Hitlers Auftreten am Bückeberg, die den Reichserntedankfesten zugrunde liegende NS-Ideologie von „Blut und Boden“ sowie der Militarismus. Auf Veranstaltungen wie den Reichserntedankfesten habe die Verführung begonnen, die in den KZs geendet habe. Dies sollen, so der Plan des Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte, Besucher und vor allem Schüler direkt vor Ort an Hand von Info- und Bilder-Tafeln, Führungen und Rekonstruktionen nachvollziehen können. „Das ist dann wie eine Zeitmaschine“, sagt Eimer. Daher lautet sein Fazit: „Der Bückeberg eignet sich sehr dafür, es Schülern zu ermöglichen, sich Aspekte der NS-Herrschaft eindrücklich erschließen zu können.“

Schon häufig habe er mit Schülern Exkursionen zum Bückeberg unternommen. Das Interesse sei da, sagt Eimer. Zudem spreche aus den Schülern oft Verwunderung. Eimer: „Sie sind erstaunt, dass sie in der Nähe eines so bedeutsamen Ortes der Nationalsozialisten wohnen – und dass sie erst so spät darüber erfahren.“

Bildunterschrift: Ein Graswall am Bückeberg zeigt den Weg, der von Hitler zur Reichserntedankfest-Rede abgeschritten wurde.

Bildunterschrift: Bettina Tovar-Luthin.

Bildunterschrift: Henning Eimer.

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Westfalen-Blatt, 10.01.2018:

„Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!“

Vor 75 Jahren leitete ein Detmolder die Niederschlagung des Ghetto-Aufstandes

Von Bernd Bexte

Detmold (WB). Er war ein gründlicher Mensch: „Ich entschloss mich deshalb, nunmehr die totale Vernichtung des jüdischen Wohnbezirks vorzunehmen.“ Der Detmolder Jürgen Stroop kommandierte vor 75 Jahren die Niederschlagung des Ghetto-Aufstandes in Warschau. Eine Ausstellung erinnert daran.

Akribisch beschreibt der SS-Gruppenführer in einem zwölfseitigen Bericht für den Reichsführer SS, Heinrich Himmler, noch am Tag der endgültigen Niederschlagung des Aufstandes (16. Mai 1943), wie seine SS-Männer „mit Schneid, Mut und Einsatzfreudigkeit“ zu Werke gegangen seien. Der zuvor im Zivilleben als Katasteramtsgehilfe bei der Detmolder Stadtverwaltung die Genauigkeit liebende Stroop bilanziert zufrieden: „Nur durch den ununterbrochenen und unermüdlichen Einsatz sämtlicher Kräfte ist es gelungen, insgesamt 56.065 Juden zu erfassen bzw. nachweislich zu vernichten.“ Das Deckblatt ziert in schönster Frakturschrift der Titel „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!“

Wer war dieser Jürgen Stroop, der 1941 aus „weltanschaulichen Gründen“ seinen Geburtsnamen Josef – da hebräischen Ursprungs – ablegte und sich fortan Jürgen nannte. Der 1895 geborene Sohn eines Detmolder Polizeioberwachtmeisters fristet nach dem Volksschulbesuch als Katasteramtsgehilfe zunächst ein bescheidenes Dasein. Dann kommt der Erste Weltkrieg. Stropp wird als Kriegsfreiwilliger Unteroffizier. Anschließend kehrt er in die Detmolder Amtsstube zurück. 1923 heiratet er, drei Kinder gehen aus der Ehe hervor. Im Juli 1932 tritt Stroop der SS, im September 1932 der NSDAP bei.

Im selben Jahr sollen Hitler, Himmler und Göring im Wahlkampf auf Stroop aufmerksam geworden sein. Der Amtsgehilfe macht Karriere, verlässt kurze Zeit später endgültig das Katasterbüro: Nach der Machtübernahme machen ihn die Nazis im März 1933 zum Chef der Hilfspolizei des damals noch selbstständigen Landes Lippe. Im März 1934 wird er zum SS-Hauptsturmführer befördert, es folgen Stationen in der SS-Verwaltung in Münster und Hamburg. Nach dem Angriff auf Polen am 1. September 1939 leistet Stroop als Mitglied der SS-Division Totenkopf zunächst Dienst in der Etappe. Im Frühjahr 1943 schlägt dann seine große Stunde: Heinrich Himmler persönlich macht ihn zum Befehlshaber der SS-, Polizei- und Wehrmachteinheiten für die Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Vom 19. April an leisten dort 600 mit wenigen Pistolen, Gewehren und Molotow-Cocktails bewaffnete Juden den 2.000 von Panzern und Artillerie unterstützten Einheiten der Deutschen fast vier Wochen lang Widerstand. Unter Stroops Befehl machen die Truppen das Ghetto, in dem vor Beginn der Deportationen in die Vernichtungslager (1941) bis zu 450.000 Menschen lebten, letztlich dem Erdboden gleich. „Die Großaktion wurde am 16. 5. 1943 mit der Sprengung der Warschauer Synagoge um 20.15 Uhr beendet“, schreibt Stroop lapidar in seinem Bericht. Himmler dankt es ihm und ernennt Stroop zum Höheren SS- und Polizeiführer für Warschau. Am Tag des Kriegsendes (8. Mai 1945) nehmen US-Soldaten Stroop fest. Er wird zum Tode verurteilt, später aber an Polen ausgeliefert, wo er – abermals verurteilt – am Abend des 6. März 1952 erhängt wird.

Sein Bericht, der auch Hitler vorgelegt worden sein soll, gilt in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen von 1945 / 46 als wichtiges Beweismittel. Und er wirkt nach: 2001 nutzt Roman Polanski ihn als Vorlage für Einstellungen in seinem Film „Der Pianist“. Anlässlich des Jahrestages zeichnet das NRW-Landesarchiv in Detmold (Willi-Hoffmann-Straße 2) vom 16. Januar bis zum 27. April in einer eigens konzipierten Ausstellung die Niederschlagung des Ghetto-Aufstandes nach und zeigt, welche Rolle Stroop dabei spielte. Der Eintritt ist frei. Am 16. April (19.30 Uhr) hält Bärbel Sunderbrink vom Stadtarchiv Detmold einen Vortrag über Jürgen Stroop. Titel: „Ein Mörder aus Detmold“.

Bildunterschrift: 14. Mai 1943, zwei Tage vor der endgültigen Niederschlagung des Aufstandes: SS-General Maximilian von Herff (vorne) inspiziert die von SS-Gruppenführer Jürgen Stroop (roter Kreis) kommandierte Aktion im Warschauer Ghetto. Später wird der Detmolder befördert.

Bildunterschrift: Jürgen Stroop 1945 in US-Gefangenschaft.

Alles zitiert nach: hiergeblieben.de

 

 

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