Geschichtsforschung privat – und Weltgeschichte …

 

Mindener Tageblatt, 02.08.2018:

Im Lager der Heimatlosen

Henryk Debski aus Sydney begibt sich mit Hermann Kleinebenne auf die Spur der eigenen Vergangenheit / Seine Eltern waren polnische Zwangsarbeiter

Von Oliver Plöger

Petershagen-Frille (mt). Plötzlich waren die Erinnerungen da: die Bäume, als er laufen lernte, der lange Gang in der Baracke, die vielen Fenster dort, dann die Mutter, die ihn rief. „Dabei wollte ich doch nur spielen, mit wem auch immer“, sagt er.

Es sind emotionale Momente, die Henryk Debski in Petershagen erlebt. Der Australier ist auf Spurensuche, will mehr über die eigene Lebensgeschichte erfahren, mehr auch über die Eltern, die später nie groß über das Lager gesprochen hatten. Doch so viel steht fest: Henryk wurde am 25. Juni 1946 im Camp Frille als Sohn von Vincenty Debski und seiner Ehefrau Marianna Debski geboren: Henryk Wladislaw haben sie den Kleinen genannt. Untergebracht war die Familie damals auf dem Hof Klepper, heute Zur Klanhorst 29. Das ursprüngliche Gebäude steht nicht mehr, aber der Ort packt ihn: „Ich weiß, dass ich hier als Kind gestanden und durch die Bäume nach oben geguckt habe.“

Seit 1949 war Henryk Debski nicht mehr in Deutschland, lebte sein Leben in Sydney, ist dort Farmer. Über seine Tochter, die sich für Geschichte interessiert und im Internet recherchiert hatte, war der Kontakt zu Hermann Kleinebenne entstanden, Stadtheimatpfleger und längst Experte in Sachen „Displaced Persons“ im Weserraum. Von „Polendörfern“ und „Polenlagern“ sprachen die Menschen damals, offiziell war vom „DPAC Lahde“ die Rede, dem „Displaced Persons Assembly Center“, kurzum: ein Sammellager für verschleppte Personen, für ehemalige Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter.

Vielen Angehörigen und Zeitzeugen hat Hermann Kleinebenne bei der Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte geholfen. Auch die Eltern von Henryk Debski waren „Displaced Persons“, hatten in den letzten Kriegsjahren auf einem Hof ganz in der Nähe gearbeitet und warteten im Ausländerlager Lahde auf ihre Ausreise nach Australien.

Dort, wo die Eltern damals schuften mussten, ist heute ein Kiesteich, dennoch gibt es auch für Henryk Debski Spuren: Plötzlich steht er vor jenem Gebäude, in dem er geboren wurde: das Herrenhaus Möller am Freithof, damals Entbindungsstation im DPAC Lahde. „Die meisten Menschen wissen, wo sie geboren wurden, ich weiß es jetzt auch“, sagt Henryk Debski und rüttelt an der Eingangstür mit dem Schild „Vorsicht. Frisch gebohnert“.

Frisch gebohnert ist hier allerdings nichts mehr, das Gebäude mitten in Frille ist dringend renovierungsbedürftig. Henryk Debski bleibt draußen und staunt über ein altes Schwarz-Weiß-Foto, das ihm Hermann Kleinebenne überreicht. Wenn man genau hinsieht, ist ein Banner zu erkennen: United Nations Relief and Rehabilitation Administration, kurz UNRA.

Aber nein, an dieses „Central Maternity Centre“ kann sich Henryk natürlich nicht erinnern. Doch jetzt macht er selbst Fotos, vom Haus, von Hermann Kleinebenne, vom MT-Reporter. Und ein Friller wird aufmerksam, stößt hinzu und fragt: Was passiert hier? „Hier bin ich geboren“, sagt Henryk Debski noch einmal. Der Friller nickt anerkennend, bedauert gleichzeitig den Zustand des Hauses, Henryk Debski stimmt zu.

Und der will auf jeden Fall noch tiefer in die eigene Geschichte eintauchen. Die Abreise aus Sydney kam spontan, für große Vorbereitungen blieb einfach keine Zeit. „Down under“ will er sich noch einmal auf die Suche nach Dokumenten machen. Auch Hermann Kleinebenne ist an weiteren Details interessiert. „Wo sind die Kinder damals getauft worden“, fragt er etwa. Henryk Debski hat keine Antwort darauf. Verbrieft ist aber, dass die Eltern am 12. September 1947 vor dem Standesamt Lahde geheiratet haben, auch, dass die Familie dann 1949 nach Australien ausgereist ist. Aber – wie gesagt – viel hätten sie nicht erzählt.

Dass der ehemalige Lehrer Hermann Kleinebenne durch seine Recherchen eine wichtige Vorarbeit geleistet hat, erfüllt Henryk Debski mit großer Dankbarkeit. Beide wollen in Kontakt bleiben.

Der Autor ist erreichbar unter (0571) 882264 oder Oliver.Ploeger@MT.de.

DPAC Lahde

Nach Besetzung der Mittelweserregion im April 1945 hatten die befreiten Zwangsarbeiter den Status von „Displaced Persons“. Sie wurden auf Anordnung der Militärregierung der Britischen Besatzungszone in den Camps von „Assembly Centres“ untergebracht. Davon waren auch Ortschaften des Amtsbereichs Lahde betroffen. „Die örtliche Bevölkerung hatte häufig kurzfristig und in unterschiedlichem Maße ihre Wohnhäuser oder Höfe zu räumen und fand in Nachbargemeinden für die nächsten Jahre vorläufige Unterkunft“, so Stadtheimatpfleger Hermann Kleinebenne.

Nach britischen Angaben lag die Belegungsstärke im DPAC Lahde Ende Mai 1945 bei etwa 20.000 „Displaced Persons“. Nach deutschen Angaben lebten im DPAC Lahde bis zu seiner Auflösung zwischen 12.000 und 17.000 „heimatlose Ausländer“. Im Lager gab es Bürgermeister, Gemeinderat und Lagerpolizei. Lehrer erteilten Schulunterricht.

Bildunterschrift: Hier fing es an: Henryk Debski in Frille vor der damaligen Geburtsstation, Teil des Ausländerlagers Lahde. Seit 1949 ist der Australier jetzt erstmals wieder in Deutschland.

(Zitiert von  hiergeblieben.de  )

 

 

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