EUropa: „… Geschichtsvergessener Serbenhass …“

 

… oder: „… Der Krieg gegen Russland kann beginnen, wenn G-D sich durchsetzt. …

 

Es war die «Washington Post», die zum Halali auf Peter Handke blies. Noch am selben 10. Oktober 2019, als die schwedische Akademie die Verleihung des Literaturnobelpreises bekannt gab, liess sie im Titel ihres Berichtes anklingen, dass es sich bei Handke um einen «Apologeten des Völkermordes» handeln könnte. Und die Woche darauf überschrieb sie den prominent plazierten Kommentar des Präsidenten der kosovo-albanischen Kunstakademie Mehmet Kraja mit der Zeile: «Warum wurde der Nobelpreis an einen Mann vergeben, der einen Kriegsverbrecher feiert?» Die meinungsbildenden deutschsprachigen Medien apportierten den Ruf aus Wa­shington und stiessen in dieselbe Kerbe.
Um zu verstehen, woher dieser Hass auf Serbien, Milosevic und – zuletzt – Handke kommt, müssen wir uns den Ablauf der Ereignisse im Zerfallsprozess Jugoslawiens und dessen handelnde Personen in Erinnerung rufen. Die erste vom Westen betriebene Feindortung in bezug auf Slobodan Milosevic fand zum Jahreswechsel 1990/1991 statt. Der Internationale Währungsfond (IWF) hatte das ganze Jahr 1989 dabei zugesehen, wie eine 1000prozentige Hyperinflation sämtliche Dinar-Sparguthaben vernichtete, um im ersten Halbjahr 1990 ein rigoroses Sparpaket aufzulegen, das die bereits zuvor in Lateinamerika erprobten Eckpfeiler aufwies: restriktive Geldpolitik, Abbau von staatlichen Subventionen und Sozialleistungen, Öffnung des heimischen Marktes für ausländische Investoren sowie eine Privatisierung von Betrieben, die sich im staatlichen und/oder gesellschaftlichen Eigentum befanden. Die Namensgeber für diese Schocktherapie hiessen Jeffrey Sachs vom IWF und Ante Markovic, der letzte Ministerpräsident Jugoslawiens. Milosevic, eben mit 65prozentiger Zustimmung im Amt des Präsidenten der Teilrepublik Serbien bestätigt, unterlief diesen Plan, indem er für umgerechnet 16 Milliarden Dollar Dinar drucken liess und damit die serbischen Staatsangestellten – Militärs, Lehrer, Krankenhauspersonal usw. – bezahlte. Jeffrey Sachs war empört, brach seine Zelte in Belgrad ab, zog nach Ljubljana und später nach Warschau. Der gelernte Jurist und Banker Milosevic hatte sich mit dem Anwerfen der Notendruckmaschine im Westen über Nacht unbeliebt gemacht.
Nun gingen vor allem Deutschland und Österreich daran, die nationalen Fliehkräfte Jugoslawiens zu unterstützen. Besonders hervor taten sich dabei die beiden Aussenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) und Alois Mock (ÖVP). Wer waren nun ihre Partner vor Ort? Es waren vor allem kroatische und bosnisch-muslimische Sezessionisten, auf die sie setzten; wobei die historische Parallele zu den vierziger Jahren in Serbien präsent war und in Deutschland totgeschwiegen wurde.
In Kroatien unterstützte die deutsche und österreichische Aussenpolitik Franjo Tudjman. Er war im Mai 1990 zum Präsidenten der Teilrepublik Kroatien gewählt worden und galt nun als Held der Demokratie und der freien Marktwirtschaft; für letztere trat er heftig ein. Während des Titoismus musste der ausgebildete Historiker wegen nationalistischer und «konterrevolutionärer Umtriebe» zweimal ins Gefängnis.
Knapp vor dem kroatischen Unabhängigkeitsreferendum im Mai 1991 zeigte Tudjman, was er unter kroatischem Nationalismus verstand. Am 2. März 1991 schickte Tudjman kroatische Nationalgardisten (eine Armee gab es noch nicht) in die mehrheitlich von Serben bewohnte slawonische Stadt Pakrac. Diese zwangen die örtlichen serbisch-stämmigen Polizisten, auf ihrer Polizeistation die neue Fahne der noch von niemandem anerkannten «Republik Kroatien» zu hissen: das aus der faschistischen Ustascha-Zeit bekannte Schachbrett.

Westliche Zusammenarbeit mit Antisemiten

Im Westen stiess sich niemand daran. Auch Tudjmans antisemitische Ausfälle wurden in deutschen und österreichischen Medien tunlichst übergangen. Sein 1993 ins Deutsche übersetzte Buch «Irrwege der Geschichtswirklichkeit» strotzt nur so vor Verharmlosungen des faschistischen Ustascha-Regimes und schreibt die Zahl der Opfer im KZ Jasenovac klein. Die sechs Millionen ermordeter Juden während des Nationalsozialismus findet Tudjman darin «emotional übertrieben». Sein Aussenminister Zvonimir Separovic liess anlässlich eines Interviews durchblicken, warum der Antisemitismus von Tudjmans HDZ-Partei im Westen kein Thema wurde: «Die serbische Lobby in der Welt ist gefährlich, da sie mit jüdischen Organisationen zusammenarbeitet.» Damals, in den frühen neunziger Jahren, konzentrierte sich der Westen auf seine Feindschaft zu Serbien. Mit hehren Ansprüchen wie dem vielfach postulierten Kampf gegen den Antisemitismus konnte man es dabei nicht so genau nehmen.
Der bosnisch-muslimische Verbündete des Westens, Alija Izetbegovic, war auf seine Art noch rechtsradikaler als Tudjman. Im Zweiten Weltkrieg schloss er sich den Mladi Muslimani an, einer der ägyptischen Muslim-Bruderschaft nahestehenden Organisation, die den deutschen Vormarsch und die Ustascha-Regierung in Kroatien nutzte, um ihrerseits eine muslimische Kraft gegen Titos Partisanen zu bilden. Im Jahr 1970 erschien dann Izetbegovic’ Hauptwerk, die «Islamische Deklaration». Darin beschreibt er die zukünftig gewünschte Gesellschaftsordnung unter muslimischem Vorzeichen folgendermassen:
«Die erste und vorrangigste (Erkenntnis) ist sicherlich diejenige von der Unvereinbarkeit des Islams mit nicht-islamischen Systemen. Es kann keinen Frieden oder keine Koexistenz zwischen dem islamischen Glauben und den nicht-islamischen Gesellschaften und politischen Institutionen geben.»
Sowohl für die Mitgliedschaft bei den «Jungen Muslimen» als auch für die Veröffentlichung der Islamischen Deklaration verbrachte Izetbegovic mehrere Jahre in titoistischen Gefängnissen. Der Westen, allen voran französische Medien und Intellektuelle wie die Philosophen Bernard-Henry Levy oder André Glucksmann, sahen in Izetbegovic hingegen den Retter der Demokratie auf dem Balkan, mehr noch: Ihr Schlachtgesang während des bosnischen Bürgerkrieges lautete: «Wir können siegen, daher müssen wir siegen! Ja oder nein zur europäischen Zivilisation!» Deren Schutzherr vor Ort hiess Alija Izetbegovic.

Handke: Solidarität mit leiser Stimme

So waren sie also gestrickt, die Partner des Westens im zerfallenden Jugoslawien: der die Schachbrett-Fahne der Ustaschi schwingende Tudjman und der Muslimbruder Izetbegovic. Und dann kam im März 1999 der Angriff der Nato auf die Reste Jugoslawiens. Der finale Akt der Zerstörung, auf dass forthin kroatischer Nationalismus, bosnischer Islamismus und albanischer Nationalismus an die Stelle des ehemaligen Vielvölkerstaates treten mögen. In einem solchen Moment, kurz vor dem Abheben der Nato-Kampffliegerstaffeln, trat Peter Handke vor die Öffentlichkeit und liess jeden, der es hören wollte, seine Verachtung für diese
Politik und diesen Militäreinsatz wissen. Mit leiser Stimme zwar, wie gewohnt, aber mit Nachdruck. Seine Solidarität mit dem von Nato-Bomben geschundenen Serbien nötigt Respekt ab. Nicht trotz dieser hat er den Literaturnobelpreis verdient, sondern deswegen.    •
Erstveröffentlichung: www.nachdenkseiten.de
Von Hannes Hofbauer ist bereits in 8. Auflage zum Thema erschienen: Balkankrieg. Zehn Jahre Zerstörung Jugoslawiens. Promedia Verlag, Wien.

 
Siehe auch: „… ich müsste mich wenigstens nicht dafür schämen, geschwiegen oder gar mit den Schafen geblökt zu haben. …

 

 

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