„Erinnerung muss fassbar sein, dann kann sie auch heilsam sein.“ (2) …

 

Westfalen-Blatt / Höxtersche Zeitung, 21.08.2018:

Geschichte ein Gesicht geben

Den Besuch von Harry Lowenstein in Höxter gibt es jetzt als Film

Von Sarah Schünemann

Höxter (WB). Im Juni dieses Jahres besuchte Harry Lowenstein nach 70 Jahren erstmals wieder seine alte Heimat Höxter. Als Kind war er mit seiner Familie deportiert worden. Er überstand Konzentrationslager und den Todesmarsch nach Westen, emigrierte dann in die USA. Er war einer der wenigen jüdischen Überlebenden Höxters. Seine Rückkehr in die Heimat und seine Geschichte zeigt jetzt ein Film.

„Es war ein denkwürdiger und historischer Tag“, leitet Bürgermeister Alexander Fischer den Film ein, „deshalb war es sehr wichtig, den Besuch Lowensteins als Zeitzeugen des Holocausts festzuhalten“. Die Rückkehr des 87-Jährigen in seine Heimat und auch die Aufzeichnung dieser Ereignisse sei ein Stück Vergangenheitsbewältigung. Gerade um die Vergangenheit und damit auch die vielen Erinnerungen aber auch die Grausamkeiten, die Lowenstein erfahren hat, zu zeigen, soll der Film allen zugänglich gemacht werden.

Auch die Schulen können davon profitieren, wenn eine reale Person ihre eigene Geschichte erzählt. „Für viele Schüler ist die Geschichte immer weit entfernt“, weiß auch der Bürgermeister. „Die Verbindung von Sprache und Gesicht ist wichtig. Das schafft eine intensivere Begegnung“, resümiert Hans Nicolas, stellvertretender Schulleiter des König-Wilhelm-Gymnasiums (KWG), nach dem Film. Denn Harry Lowenstein spricht in einigen Teilen des Films seine Muttersprache deutsch, in anderen englisch. „Das Englisch ist gut verständlich. Dadurch kann ich den Film auch im Fremdsprachen-Unterricht nutzen“, sagt Monika Krekeler, Schulleiterin der Hoffmann-von-Fallersleben-Realschule. Auch im Jacob Pins Forum und auf der Internetseite der Stadt Höxter wird der Film in Zukunft zu sehen sein.

„Es war ein denkwürdiger und historischer Tag.“
Bürgermeister Alexander Fischer

Er zeigt Szenen aus dem Besuch Lowensteins, den er im Juni nach langem E-Mail-Kontakt mit Fritz Ostkämper, 1. Vorsitzender Jakob Pins Forum, mit seinen Töchtern angetreten hat; bei der Feierstunde in Höxter, beim Ortsrundgang durch seinen Geburtsort Fürstenau und seinen Zufluchtsort Bredenborn. Es ist eine Mischung aus Dokumentation und Emotionalität, die Christian Höke und Madeline Sprock aufgenommen haben. „Aus einer einfachen Aufgabe, dem Mitschnitt von einigen Reden beim Festakt, hat sich ein spannender Prozess entwickelt“, sagt Sprock dazu. Erst im Schnitt sei den beiden klar geworden, was sie in den Händen halten: „Ein Stück Zeitgeschichte. Diese Situation, der Besuch des letzten überlebenden Juden in seiner Heimat Höxter, wird es so nie wieder geben“, stellt sie heraus.

Harry Lowenstein, früher Helmut Löwenstein, ist in Fürstenau als Sohn eines jüdischen Viehhändlers geboren worden. In der Pogromnacht stürmten SA-Trupps das Haus der Familie. Sie nahmen alles mit, was von Wert war und David Löwenstein wurde in das Konzentrationslager (KZ) Buchenwald deportiert. Vier Wochen später entließ man ihn dort. In der Zwischenzeit kümmerte sich Harry Lowenstein um das Vieh.

Ab 1939 durften er und seine Schwester Kläre die Schule nicht mehr besuchen. Im Dezember 1941 wurde die Familie in das Ghetto nach Riga deportiert. Nach dem KZ Kaiserwald kam Harry Lowenstein über Danzig in das KZ Stutthof. Nach der Auflösung durch die sowjetische Armee wurde er mit einer Häftlingskolonne auf den Todesmarsch nach Westen geschickt und gelangte endlich wieder nach Fürstenau. 1949 wanderte Harry Lowenstein über Frankreich in die USA aus, wo er heute in Kissimmee (Florida) lebt.

Bildunterschrift: Harry Lowenstein (links), geboren als Helmut Löwenstein in Fürstenau, ist der letzte Höxteraner Holocaust-Überlebende. Im Pins-Forum hat ihn der Vorsitzende Fritz Ostkämper bei seinem Besuch im Juni in der alten Heimat begrüßt.

Bildunterschrift: Den Film von Christian Höke (von links) und Madeline Sprock haben Hans Nicolas (Vize-Schulleiter KWG), Heike Edeler (designierte Schulleiterin KWG) sowie Monika Krekeler (Schulleiterin Hoffmann-von-Fallersleben-Realschule), Bürgermeister Alexander Fischer und Fritz Ostkämper jetzt gesehen.

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Neue Westfälische – Höxtersche Kreiszeitung, 21.08.2018:

Ein bewegendes Stück Zeitgeschichte

Dokumentation: Madeline Sprock und Christian Höke haben den Besuch von Harry Lowenstein, dem letzten Holocaust-Überlebenden aus Höxter, im Juni mit der Kamera begleitet / Das Video ist frei verfügbar

Von Svenja Ludwig

Höxter. Harry Lowenstein betritt das Gebäude, das vor einer Ewigkeit einmal eine Synagoge war. Heute ist es eine kleine Autowerkstatt. Die Kamera schwenkt durch den Raum. In den Rundbögen und der Nische des Tora-Schreins, den einzigen Hinweisen darauf, dass es sich hier einmal um ein jüdisches Gotteshaus handelte, stehen Lackdosen, liegen Werkzeuge, stapeln sich profane Dinge ,die es an in einer Arbeitsstätte so braucht. Kaum zu glauben, dass hier Höxteraner Juden beteten.

Genauso, wie es heute schwer vorstellbar ist, dass Synagogen abgebrannt, Juden systematisch verfolgt und vergast wurden: Harry Lowenstein, 1931 als Helmut Löwenstein in Fürstenau geboren, überlebte das Rigaer Ghetto, die Konzentrationslager Kaiserwald und Stutthof. Nach seiner Emigration in die USA 1949 kehrte er vor rund zwei Monaten erstmals für zwei Tage in seine ostwestfälische Heimat zurück (die NW berichtete).

„Diese zwei Tage waren mehr als der Besuch eines ehemaligen Fürstenauers, sie sind ein Stück Vergangenheitsbewältigung und tragen einen wesentlichen Teil dazu bei, sich an das Dritte Reich zu erinnern“, resümiert am Montag Bürgermeister Alexander Fischer: „Für uns war es wichtig, diese Tage festzuhalten – auch filmisch.“

Mit der Kamera haben Madeline Sprock und Christian Höke (Madeye Films Höxter) den letzten Holocaust-Überlebenden aus Höxter begleitet und einen etwa 34-minütigen Film aus dem Material geschnitten. „Uns ist klar geworden, dass wir ein Stück Zeitgeschichte mitgefilmt haben“, sagt Madeline Sprock: „Diese Situation wird es nicht noch einmal geben.“

„Harry Lowenstein – der letzte Holocaust-Überlebende aus Höxter“ dokumentiert den Besuch des 87-Jährigen, zeigt sowohl Schwarz-Weiß-Fotos aus seiner Kindheit, als auch Aufnahmen aus Lagern oder von Deportationen. „Sehr emotional, sehr bewegend“, findet Rathaus-Chef Fischer. Er glaube, die Mischung aus Dokumentation und Emotionalität könne dazu beitragen, dass die Menschen innehielten, und gerade die Schülerinnen und Schüler, die sehr weit von dieser Zeit entfernt seien, anders ansprechen. „Wir möchten, dass der Film jedem zur Verfügung gestellt wird“, sagt Fischer. Deshalb wird das Dokument auf der städtischen Homepage hochgeladen und soll auch an Schulen sowie im Jacob Pins Forum gezeigt werden.

www.hoexter.de

Film und Filmsprache

Harry Lowenstein erzählt überwiegend in englischer Sprache, wechselt nur selten ins Deutsche.

Fritz Ostkämper befürchtet, dass nicht alle Besucher des Jacob Pins Forums ausreichende Sprachkenntnisse aufweisen, um alles zu verstehen.

Untertitel seien nicht Teil des Auftrags gewesen, wie die Filmemacher erklären, zudem lenke der Text von den Bildern ab.

„Ich finde es spannend, es in Deutsch und Englisch zu hören“, sagt Hans Nicolas, stellvertretender Schulleiter des König- Wilhelm-Gymnasiums.

Die Stadt überlegt nun, wie es möglich ist, die englischsprachigen Szenen zu übersetzen. Dabei kam auch der Gedanke auf, ein Transkript einzusetzen.

Bildunterschrift: In der ehemaligen Synagoge: Harry Lowenstein berichtete bei seinem Besuch in Fürstenau vor der Kamera aus der Kindheit hier.

Bildunterschrift: Die Filmemacher: Madeline Sprock und Christian Höke (vorn). Mit ihnen schauten Hans Nicolas (v. l.) und Heike Edeler vom König-Wilhelm-Gymnasium, Realschulleiterin Monika Krekeler, Bürgermeister Alexander Fischer sowie Fritz Ostkämper (Jacob Pins Gesellschaft).

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Neue Westfälische – Höxtersche Kreiszeitung, 21.08.2018:

Lokales: Überlebender des Holocaust in bewegten Bildern

Höxter. In 34 Minuten dokumentieren Madeline Sprock und Christian Höke (Madeye Films) den zweitägigen Besuch des letzten Holocaust-Überlebenden aus Höxter in seiner ostwestfälischen Heimat. Die Filmemacher hielten eine unwiederbringliche Situation in bewegten Bildern fest.

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(Alles zitiert nach  hiergeblieben.de  )

 

 

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