„… ein Verdämmern und gelegentliches Aufflackern alter Muster bei den Männern, ein unwirsches in sich gekehrtes Schweigen bei den Frauen …“

 

… oder Göthe: „Den Teufel spürt das Völkchen nie, Und wenn er sie beim Kragen hätte.”

 

– und bei beiden eine wehleidige Selbststilisierung als Opfer.

Die Autorin bleibt dem eigenen Versuch zur Klärung gegenüber skeptisch: «Die vielbesagte Stunde Null, die es schon 1945 nicht gegeben hatte, und die erneute Zeit der Umschreibung nach 1989. Der Nationalsozialismus als deutsche Katastrophe und der Herbst 1989 als der grosse Glücksfall. Die Anfänge nach den beiden deutschen Diktaturen eignen sich nicht dafür, als Analogien gelesen zu werden, und doch waren es Spiegelszenen. Ich weiss, dass ich scheitern werde, dass es unmöglich ist, es zu beschreiben, aber mich interessiert der Charakter unserer Erfahrung, unsere innere Zeichnung.»

Zum Mahnmal des Versagens wurde die polizeilich verschlampte Verhinderung und Aufklärung der NSU-Verbrechen. Ines Geipel zitiert den Generalbundesanwalt Harald Range: «Die NSU-Morde sind unser 11. September.» Eine von Tabus und Verdrängungen paralysierte Gesellschaft gebe, so Ines Geipel, ehemaligen Stasi-Leuten und Mafia-Ablegern im Osten Deutschlands freie Bahn zur Einrichtung ihrer profitablen Netzwerke. Derweil mache sich zusehends eine «Sakralisierung» der DDR breit, wozu in paradoxer Weise auch gehöre, dass Pegida und AfD die Revolutionsparole «Wir sind das Volk» usurpieren. Die Konklusion am Schluss des Buchs fällt bitter aus: «Sich von seiner doppelten Diktaturerfahrung zu emanzipieren, ist als Aufgabe für den Osten gegenwärtig zu gross.»

Ines Geipel: Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass, Klett-Cotta 2019, 277 S.

 

Mehr von Ines Geipel hier …

Siehe auch: «Man will den weiblichen Körper kontrollieren» …,

… „Achtung Kulturpropaganda: Das destruktive Potenzial von Videospielen

 

 

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