„Die zunehmende Komplexität der Welt wird von vielen Bürgern so wahrgenommen, dass sie selbst die Kontrolle über ihre eigene Biografie verlieren“

 

Lippische Landes-Zeitung, 29.01.2018:

Experte sieht die liberale Demokratie bedroht

Vortrag: Dr. Wilhelm Heitmeyer referiert über Zusammenhänge zwischen Rechtspopulismus und sozialer Ungleichheit

Detmold (gw). „Was mache ich, wenn mein Onkel nach dem fünften Glas Bier anfängt, über Juden zu lästern?“ Diese etwas provokante Frage stellte Professor Wilhelm Heitmeyer jetzt seinem Publikum im Kleinen Saal der Stadthalle.

Heitmeyer, der am Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung arbeitet, referierte vor einem gefüllten Saal zum Thema „Autoritärer Nationalradikalismus als politisches Wachstumsmodell?“. Dabei machte der 72-Jährige deutlich, dass der Wahlerfolg der AfD und die große Resonanz auf „rabiaten Rechtspopulismus“ keine Ereignisse gewesen seien, die unerwartet und plötzlich aufgetreten seien. Nach der Finanzkrise habe eine Radikalisierung bei rechtspopulistisch eingestellten Teilen der Gesellschaft stattgefunden.

„Diese Veränderung in der Einstellung vieler Mitmenschen hat sich vor der Flüchtlingsbewegung und auch vor der Gründung der AfD entwickelt“, erklärte Heitmeyer. Er betonte, dass er durch den erstarkten Nationalradikalismus die liberale Demokratie bedroht sehe.

Die zunehmende Komplexität der Welt wird von vielen Bürgern so wahrgenommen, dass sie selbst die Kontrolle über ihre eigene Biografie verlieren„, beschrieb Heitmeyer das Stimmungsbild derjenigen, die sich durch die teils rasanten Veränderungen der vergangenen Jahre im gesellschaftlichen Abseits wähnten.

Genau an diesem Punkt hätten unter anderem die AfD und auch Pegida angesetzt, sagte Heitmeyer. „Aus dem individuellen Ohnmachtsgefühl haben diese Bewegungen es geschafft, eine kollektive Macht-Fantasie zu entwickeln“, erklärte der Soziologe. Denn das Versprechen der Rechten laute: „Wir geben euch die Kontrolle über euer Leben zurück.“

Wie aber sollte man sich nun im anfangs erwähnten Beispiel verhalten? „Eine Möglichkeit ist es, aufzustehen und rauszugehen“, erklärte Heitmeyer. Auch er habe keine Patentlösung parat. Wichtig sei es jedoch, den Bürgern bewusst zu machen, dass sie das eigene Leben in der Hand hätten.

Den Schlüssel zur Lösung des Problems im Umgang mit Nationalradikalismus sieht der Konfliktforscher woanders: In der Frage der sozialen Ungleichheit, denn diese zersetze Gesellschaften. „Forschungen belegen, dass Länder mit höherer sozialer Ungleichheit eher nach rechts tendieren.“

Bildunterschrift: Konfliktforscher: Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer beschäftigt sich schon seit langem intensiv mit dem Rechtsradikalismus.

( Zitiert von hiergeblieben.de )

 

 

© 2018, ICH-Biographieberatung. All rights reserved.


 
 
 

Die Kommentarfunktion zu diesem Beitrag wurde deaktiviert.