Bückeberg hin, Bückeberg her …

 

Herrn Gelderblom und seinen Frauen und Mannen wünsche ich jetzt die Kraft und den Mut, noch die ganze Geschichte dieses weltgeschichtlichen Mißbrauches schreiben zu können … 

… und den Anwohnern des Bückeberges sei versichert: Zukünftig werden gerade die, wir Deutschen einmal froh, sehr froh sein, dieses finsterste Tal der Weltgeschichte, diesen Ort als Lernort zu haben.

 

Gunther Thriene

 

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Niedersächsische Allgemeine Online, 14.03.2018:

Kreistag Hameln beschließt Projekt

14.03.2018 – 13.10 Uhr

Reichserntedankfeste der Nazis: Festplatz am Bückeberg wird Doku-Stätte

Hameln. Der Kreistag in Hameln hat grünes Licht für den Bau einer Dokumentationsstätte am Bückeberg gegeben – dort ließ Hitler fünf Mal das Reichserntedankfest feiern.

Zum Reichserntedankfest zogen die Massen zum Bückeberg, am Hang flatterten Hakenkreuzflaggen an 1.000 Masten im Wind. Wenn Hitler und andere NS-Größen wie Goebbels kamen, streckten sich ihnen hunderttausende Arme zum Gruß entgegen. Heute grasen auf dem Gelände, das Hitler-Architekt Albert Speer gestaltet hatte, Kühe. Doch bald soll das es zur Dokumentationsstätte werden.

NS-Aufmarsch bei Hameln

Das Für und Wider sorgte nicht nur rund um den Bückeberg bei Hagenohsen für Diskussionen. Kaum eine Entscheidung des Kreistages Hameln-Pyrmont hat zuletzt für heftigere Diskussionen gesorgt. Denn der Boden am Bückeberg ist verseucht: Dort ließ Hitler von 1933 bis 1937 das Reichserntedankfest auch mit einer Waffenschau feiern.

Bomber zerstörten ein Schaudorf. 1937 sollen 1,2 Millionen Menschen dort gewesen sein, angekarrt in 215 Sonderzügen – eine der größten Massenveranstaltungen der Nazis. Allein die Tribüne fasste 3.000 „Ehrengäste“. Hameln wurde so zum „Nürnberg des Nordens“.

Streit um Doku-Stätte am Bückeberg

Seit einem Jahr wird um die Doku-Stätte gestritten, die Gemeinde Emmerthal ist dagegen, mehr als 2.000 Bürger und Anwohner unterschrieben ihr Nein. Wut kochte hoch. Der Kirchenkreis stellte einen Riss zwischen Befürwortern und Gegnern fest, der durch die Gemeinden gehe.

Die Mehrheit von SPD, Grünen, Linke und FDP im Kreistag jedenfalls brachte gestern das Projekt auf den Weg. Dabei ging es auch um die Finanzierung einer Gesellschaft, die das Konzept umsetzen soll.

Zuletzt hatte Landrat Tjark Bartels für die Sache geworben, die Wichtigkeit der Doku-Stätte betont. Seine Begründung ähnelte jener, die vom Verband Niedersächsischer Geschichtslehrer kam: Der betonte, dass „die Reichserntedankfeste damals für die manipulative Wirkung der NS-Ideologie auf viele Deutsche“ standen. Die Feste huldigten der bäuerlichen Idylle, sprachen also viele Menschen an.

Transportiert wurde aber vor allem das totalitäre Gesellschaftsideal der Nazis. Die Wortwahl zum Ort des Geschehens sprach für sich: Es sei „ureigenster deutscher Boden, germanisches Kerngebiet am deutschen Fluss Weser“.

Zeitzeugin erinnert sich an Reichserntedankfeste der Nazis

Ingrid Kopietz, geb. Schmidt, war ein Kind, als 1937 „unglaubliche Menschenmassen“ auch durch Hagenohsen am Südrand des 160 Meter hohen Hügels dorthin zogen, wo die NS-Größen „von einer Tribüne aus zu den Massen sprachen“. Die Rentnerin erinnert sich zwar intensiv, aber nicht gerne an die Jahre vor und während des Krieges mit den Bombennächten, die Angst und Tod nach Hameln brachten.

„Für junge Leute könnte es wichtig sein, an das Geschehen am Bückeberg erinnert zu werden“, sagt die 84-Jährige, die persönlich damit aber abgeschlossen hat – trotz der vielen Bilder im Kopf.

Fläche am Nordhang soll Doku-Stätte werden

Die 23 Fußballfelder große Fläche am Nordhang soll Dokumentationsstätte- und Lehrort werden. 450.000 Euro sind veranschlagt für Wege, Sitzbänke und Inseln mit Info-Tafeln. Die Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten will Geld geben, auch der Kreis, der auf Hilfe vom Bund hofft.

Wenn alles glatt geht, könne bald begonnen werden, sagt der Initiator, Projektleiter und Historiker Bernhard Gelderblom.

Manche aber wünschen sich, dass die Kühe dort weiter grasen. Und schon gar nicht, dass dort Neonazis auftauchen, um ihren zweifelhaften Idealen zu huldigen.

Bildunterschrift: Reichserntedankfest am Bückeberg bei Emmerthal im Kreis Hameln-Pyrmont: Dort ließ Hitler von 1933 bis 1937 auf einem von Albert Speer gestalteten Gelände das zentrale Fest feiern. Bald soll es zum Dokumentations- und Lernort werden.

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Deister- und Weserzeitung, 14.03.2018:

Vom „Hoffnungsträger“ am Bückeberg

Zweistündige Kreistagsdebatte um Dokumentationsort mit heftigen verbalen Entgleisungen

Von Joachim Zieseniß

Hameln-Pyrmont. Die Entscheidung für den Dokumentationsort Bückeberg ist in der gestrigen Kreistagssitzung gefallen. Die Gräben zwischen Befürwortern und Gegnern sind aber längst nicht zugeschüttet, im Gegenteil: Zeigten die Stimmen aus Einwohnerschaft wie aus Politik doch auch am Abend der Entscheidung einmal mehr, wie sehr der ehemalige Nazi-Propagandaort und damit die Beschäftigung mit der Vergangenheit von vor immerhin 80 Jahren immer noch polarisiert.

Und so zeigten sich Mehrheitsgruppe, die CDU und die AfD in ihren Wortbeiträgen als unversöhnliche Lager. Während Ulrich Watermann (SPD) darauf bestand, dass der Bückeberg als Mahnmal für den Wert unserer heutigen Demokratie „niemals nach Geldmaßstäben beurteilt werden dürfe“, und Michael Ebbecke (Grüne) darauf verwies, dass die grüne Landtagsfraktion bereits einen Antrag auf Unterstützung des Lernorts Bückeberg mit Landesmitteln gestellt habe, lehnte Hans-Ulrich Siegmund (CDU) das Projekt nach wie vor rigoros ab: Die Politik sei bei der Konzeptionierung der Bückeberg-Pläne „bislang in vielen Fragen übergangen worden“, kritisierte er. Siegmund forderte, dass das Thema vor einer Entscheidung erst einmal politisch aufgearbeitet werden müsse. Dabei müssten auch Gestaltungsalternativen des Bückebergs aufgezeigt und in den Gremien diskutiert werden. Ursula Körtner (CDU) bekannte sich zwar zur historischen Bedeutung des Bückebergs, kritisierte aber Arroganz im Umgang mit dem Bürgerwillen im bisherigen Findungsprozess. Auch forderte sie, einen Beschluss zurückzustellen, bis die Grundstücksfrage mit dem Land und die Bebauungsplanung mit der Gemeinde Emmerthal geklärt sei.

Für die FDP merkte Rüdiger Zemlin – Gruppensprecher Heinrich Fockenbrock hatte während der Sitzung eine Herzattacke erlitten – an, FDP / Unabhängigen werden dem Projekt zustimmen, sobald eine Beteiligung von Land und Bund an den Kosten geklärt sei.

Strikte Ablehnung kam von Seiten der AfD. Hier merkte Dr. Jürgen Schönbrodt an, man dürfe Gegner des Vorhabens „nicht in eine falsche Ecke drücken“. Nach einem Exkurs in das soziale Klima nach dem Ersten Weltkrieg erklärte er die Reichserntedankfeste und die damalige Begeisterung damit, dass „da eben einer kam und als Hoffnungsträger gefeiert wurde“. Und die Folgen seien damals eben nicht abzusehen gewesen.

Womit der Damm zu verbalen Entgleisungen gebrochen zu sein schien: Rolf Keller (CDU) sprach der Mehrheitsgruppe das Zulassen eigener Meinungen in ihren Reihen ab, geißelte deren Missachtung von Bürgermeinung und Emmerthaler Interessen und hatte für Bürgermeister Andreas Grossmann (SPD) die Beschimpfung parat, er habe in der ganzen Sache „keinen Arsch in der Hose“.

Bildunterschrift: Eindringlich warb Landrat Tjark Bertels vor allem bei der CDU-Fraktion um eine Zustimmung zum Lernort Bückeberg.

Bildunterschrift: Das Medieninteresse an den AfD-Politikern im Kreistag war groß.

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Deister- und Weserzeitung, 14.03.2018:

Hameln-Pyrmont billigt NS-Infostätte am Bückeberg

Weichenstellungen gegen Widerstand von CDU, AfD und Anwohnern

Von Joachim Zieseniß

Hameln-Pyrmont. Am Emmerthaler Bückeberg – einer der wichtigsten Propagandastätten der Nationalsozialisten – wird eine Dokumentations- und Lernstätte eingerichtet. Das hat der Kreistag von Hameln-Pyrmont gestern nach emotionaler zweistündiger Debatte mit den 27 Stimmen von SPD, Grünen, Linken, FDP, Unabhängigen und dem Einzelbewerber Helmuth Mönkeberg beschlossen. Die CDU und AfD stimmten gegen das Vorhaben: Sie kamen auf 20 Stimmen.

Das Thema hatte in den vergangenen Monaten die öffentliche Meinung im Landkreis Hameln-Pyrmont gespalten wie kaum ein anderes in der Vergangenheit. Um den bereits unter Denkmalschutz stehenden Bückeberg zu einem Lernort zu gestalten, wird der Landkreis nun gemeinsam mit dem Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte eine gemeinnützige GmbH gründen. Die umstrittenen Gelder hierfür können nun mit Sperrvermerk in den Haushalt 2018 eingestellt werden. Bevor dieser Sperrvermerk aufgehoben wird, soll geprüft werden, ob sich Land und Bund an den Kosten beteiligen. Außerdem sollen zwei weitere öffentliche Bürger-Foren die Beteiligung der Öffentlichkeit sicherstellen. Auch sollen die verschiedenen Möglichkeiten der künftigen Bückeberg-Gestaltung noch mit der Politik besprochen werden.

„Jetzt sind die Weichen für den Dokumentationsort Bückeberg gestellt.“
Tjark Bartels, Landrat

Die CDU und AfD wandten sich gegen die Bereitstellung von Kreisgeldern. Auch in der Bevölkerung war die Kritik immer wieder an den Kosten für den Landkreis in Höhe von 293.500 Euro festgemacht worden. Der Gesamtaufwand für das derzeit geplante Konzept beläuft sich auf rund 450.000 Euro. Für die Hälfte des Betrages liegen Zusagen von Stiftungen vor.

Vor dem Einstieg in die Tagesordnung des Kreistags hatten die zahlreich erschienenen Zuschauer das Wort. Hier trafen erneut Befürworter und Gegner des Projekts aufeinander. Vor allem bei den Anwohnern gibt es Widerstand. „Wir möchten eine Aufarbeitung des Bückebergs, aber nicht große bauliche Veränderung am Berg selbst“, sagte Timo Schriegel, Sprecher einer Kritiker-Gruppe, die mehr als 2.000 Unterschriften gegen das Projekt gesammelt hat.

Landrat Tjark Bartels (SPD) setzte sich im Kreistag bei allem Gegenwind weiter vehement für die Dokumentationsstätte am Bückeberg ein. Dort schwor das Nazi-Regime, auch Adolf Hitler persönlich, in den Jahren 1933 bis 1937 bei den Reichserntedankfesten jeweils bis zu eine Million Deutsche auf die verbrecherischen Ziele ein. Bartels betont seit längerem, dass Hameln-Pyrmont ungeachtet der Kosten in der Verantwortung stehe, am Bückeberg, „einen der wichtigsten Orte der NS-Selbstinszenierung“, einen Lernort zu schaffen.

Weserbergland: 17

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(Alles zitiert nach  hiergeblieben.de  )

 

 

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