„Buchvorstellung: ‚Die Externsteine. Zwischen wissenschaftlicher Forschung und völkischer Deutung.'“

– Donnerstag, 15. März 2018 um 19.30 Uhr –

Buchvorstellung: „Die Externsteine. Zwischen wissenschaftlicher Forschung und völkischer Deutung. Beiträge der Tagung am 6. und 7. März 2015 in Detmold.“

Veranstaltungsort:

Lippisches Landesmuseum
Ameide 4
32756 Detmold

www.lippisches-landesmuseum.de

Begrüßung durch Dr. Michael Zelle (Lippisches Landesmuseum), Anke Peithmann (Landesverband Lippe), Dr. Burkhard Beyer (Historische Kommission für Westfalen) und Gefion Apel (Naturwissenschaftlicher und Historischer Verein für das Land Lippe e.V.).

Einführung von Larissa Eikermann und Stefanie Haupt: Zur Konzeption und Entstehung der Tagung und des Tagungsbandes.

Vortrag von Roland Linde und Prof. Dr. Ulrich Meier: In wessen Auftrag wurde das Kreuzabnahmerelief geschaffen? Neue Überlegungen zu alten Fragen.

Anschließend besteht Gelegenheit zum Gespräch und zum Erwerb des Bandes.

Am 6. und 7. März 2015 kamen im Lippischen Landesmuseum in Detmold Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen, um sich mit einem der bekanntesten und umstrittendsten Natur- und Kulturdenkmäler in Westfalen-Lippe zu beschäftigen: den Externsteinen bei Horn-Bad Meinberg im Teutoburger Wald. Nun ist der umfangreiche Tagungsband erschienen, der sich zu einem Standardwerk über die Felsen entwickeln dürfte.

Die Externsteine wecken das öffentliche Interesse nicht nur durch ihre ungewöhnliche, von der Natur geschaffene Formation, sondern vor allem durch die von Menschenhand hinzugefügten Anlagen – ein offenes Nischengrab, eine Höhenkammer, eine Grottenanlage und nicht zuletzt das monumentale Relief der Kreuzabnahme Christi. Seit Jahrhunderten wird über Alter und Bedeutung dieser Anlagen kontrovers diskutiert. Spekulationen und fantastische Deutungen überlagern dabei mitunter wissenschaftlich fundierte Interpretationen. Aufgabe des Bandes ist es deshalb nicht nur, den aktuellen Forschungsstand über die Externsteine zu dokumentieren. Darüber hinaus setzt er sich ausführlich mit den vielen anderen Interpretationen der Steine in Geschichte und Gegenwart auseinander, um die rote Linie zwischen Wissenschaft und Spekulation nachvollziehbar zu machen.

Im ersten Teil des Bandes wird der Forschungsstand zu den Externsteinen auf interdisziplinärer Basis zusammengefasst und wesentlich erweitert. Die Beiträge nehmen die urkundliche und inschriftliche Überlieferung in den Blick und untersuchen die Anlagen unter aktuellen kunst- und baugeschichtlichen sowie archäoastronomischen Fragestellungen. Im zweiten Teil setzen sich die Autorinnen und Autoren kritisch mit der stark von völkischen und esoterischen Deutungen geprägten Wahrnehmung der Externsteine im 20. und frühen 21. Jahrhundert auseinander. Von der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit lassen sich dabei Kontinuitätslinien bis in die Gegenwart ziehen. Damit bietet das Werk erstmals einen umfassenden Überblick über die wechselvolle Nutzungs- und Rezeptionsgeschichte der Externsteine. Ergänzt wird er durch zahlreiche aktuelle und historische, zum Teil noch nie publizierte Abbildungen.

„Die Externsteine. Zwischen wissenschaftlicher Forschung und völkischer Deutung. Beiträge der Tagung am 6. und 7. März 2015 in Detmold.“ Herausgegeben von Larissa Eikermann, Stefanie Haupt, Roland Linde und Michael Zelle. Münster 2018, 608 Seiten, Festeinband, zahlreiche, teils farbige Abbildungen (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Neue Folge 31; Schriftenreihe des Lippischen Landesmuseums Detmold, Band X; Sonderveröffentlichungen des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe, Band 92). Aschendorff, ISBN 978-3-402-15122-8, 59 Euro.

Zu dieser Buchvorstellung laden die Historische Kommission für Westfalen, das Lippische Landesmuseum und der Naturwissenschaftliche und Historische Verein für das Land Lippe e.V. ein.

 

Zu dieser in esoterisch-faschistoiden Kreisen gängigen Geschichtsklitterung hier mehr …

 

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Westfalen-Blatt, 16.03.2018:

Von Germanen keine Spur

Buch über Externsteine belegt Bedeutung fürs Christentum

Von Dietmar Kemper

Horn-Bad Meinberg (WB). Die Externsteine beflügelten schon immer die Fantasie. Waren sie eine christliche Sakralstätte im Mittelalter, ein germanisches Heiligtum oder eine Sternwarte? Ein neues Buch bringt Licht ins Dunkel.

„Die Externsteine – zwischen wissenschaftlicher Forschung und völkischer Deutung“ heißt das Buch, das die Ergebnisse einer Tagung im Lippischen Landesmuseum in Detmold zusammenfasst und gestern im Schatten der 40 Meter hohen und etwa 70 Millionen Jahre alten Felsformation vorgestellt wurde. Es ist nach Angaben des Mitherausgebers Michael Zelle eine „wissenschaftliche Standortbestimmung“ und notwendige Antwort auf Esoteriker und Rechtsextremisten, die die Externsteine als „schöne Beute“ für sich vereinnahmt hätten.

Im Tal der Wiembecke bei Horn-Bad Meinberg ist einiges mittlerweile unbestritten. Das berühmte Kreuzabnahmerelief, das Nikodemus und Joseph von Arimathia dabei zeigt, wie sie unter den Augen von Maria und des Evangelisten Johannes den gekreuzigten Christus bergen, verweist auf die Kunstfertigkeit mittelalterlicher Steinmetze und belegt die Bedeutung der Externsteine als christliche Sakralstätte.

„Sie waren im Mittelalter ein wichtiger Anlaufpunkt, aber es gibt keine Belege dafür, dass sie ein Wallfahrtsort gewesen sind, das hätte in Quellen aus dieser Zeit auftauchen müssen“, sagte Michael Zelle, der Direktor des Lippischen Landesmuseums in Detmold, dem Westfalen-Blatt. Das Relief entstand vermutlich um 1150, möglicherweise aber auch erst um 1190 herum. Belegt ist, dass die Externsteine von Eremiten im 14. und 15. Jahrhundert als Klause genutzt wurden. Das Kreuzabnahmerelief, die künstlichen Grotten, der Seiteneingang zur Kuppelgrotte mit den Resten der Petrusskulptur, das offene Felsengrab in einer Rundbogennische und die Höhenkammer mit Altarnische ergeben ein faszinierendes Ensemble. „Die gesamte Zeit vor dem Mittelalter ist nicht belegt“, betont Zelle. Mit einer Ausnahme: An den Externsteinen wurden Werkzeuge entdeckt, die darauf hindeuten, dass Menschen in der Steinzeit dort zum Beispiel Schutz vor dem Wetter suchten.

Dass rund um die Felsformation Hermann der Cherusker 9 nach Christus die Legionen des Varus vernichtet haben soll, hält Zelle für eine Spinnerei von Heimathistorikern. „Dass die Germanen hier waren, kann man nicht nachweisen“, sagt er: „Man weiß nichts über ein germanisches Heiligtum, und es gibt auch keine Belege für eine archäologische Sternwarte.“ Die Höhenkammer sei vermutlich eine christliche Kapelle gewesen und kein Bestimmungsort für die Sommersonnenwende. Dass die Externsteine zum Anziehungspunkt für völkische Kreise wurden, ist unter anderem dem SS-Führer Heinrich Himmler zu „verdanken“, der das Weserbergland als eine der urgermanischen Gegenden bezeichnet hatte.

Esoteriker wiederum glauben, dass von den Externsteinen besondere Kräfte ausgehen, und malen mit Farbe obskure Zeichen auf die Felsen – sehr zum Ärger des Landesverbandes Lippe. Zum Glück benehmen sich die allermeisten der jährlich 500.000 Besucher unauffällig. Was sie heute nicht mehr sehen können, ist das ehemalige Jagdschloss der lippischen Fürsten. Einblicke in Nutzung und Bedeutung der Externsteine gibt das 2011 neu eröffnete Infozen­trum – und jetzt das neue Buch.

Bildunterschrift: Imposant und sagenumwoben: Die Externsteine beschäftigen ebenso Besucher wie Wissenschaftler.

Bildunterschrift: Das Titelbild des Buches aus dem Aschendorff-Verlag zeigt das Kreuzabnahmerelief.

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Lippische Landes-Zeitung, 17./18.03.2018:

Forscher wagen sich an „heißes Eisen“

Buchvorstellung: In einem großen Band zu den Externsteinen verbünden sich regionale Historiker / Sie wollen einen klaren Akzent gegen die Vereinnahmung des Denkmals durch rechte Ideologen setzen

Von Kai Brandebusemeyer

Horn-Bad Meinberg. „Die Externsteine sind ein Thema, das lange Zeit verseucht war – parawissenschaftliche, völkische und esoterische Deutungen erforderten jetzt einfach einen wissenschaftlich fundiertes Gegengewicht“, sagt Dr. Michael Zelle. Der Leiter des Lippischen Landesmuseums in Detmold und drei andere Wissenschaftler, Larissa Eikermann, Stefanie Haupt und Roland Linde, haben nun einen umfangreichen Band zu den sagenumwobenen Felsformationen im Teutoburger Wald herausgegeben.

Entstanden sei das Buch mit dem Titel „Die Externsteine – Zwischen wissenschaftlicher Forschung und völkischer Deutung“ in Folge einer Tagung im Landesmuseum im Jahr 2015. Die Finanzierung des Treffens hatten damals die Historische Kommission des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, der Landesverband Lippe, die „Schutzgemeinschaft Externsteine“, die Gruppe „Argumente und Kultur gegen Rechts“ und die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Ostwestfalen-Lippe übernommen.

Viele der Buchbeiträge seien aus den Vorträgen der Tagung entstanden. Darüber hinaus freuen sich die Herausgeber aber auch über zahlreiche zusätzliche Artikel. Larissa Eikermann etwa findet: „Viele Beiträge sorgen dafür, dass dieser Band in Methoden und Betrachtungsweisen sehr interdisziplinär daher kommt. Das gibt unserer Botschaft noch einmal mehr Gewicht.“ Eine exzellente Expertise sei in dem Buch versammelt.

Lange Zeit hätten sich nur wenige Wissenschaftler an das Thema Externsteine herangetraut – zu lautstark dominierten krude Thesen und Ideologien die öffentliche Debatte und Wahrnehmung um das Naturphänomen. „Wir haben tatsächlich – wie Sie in dem Buch auch lesen können – festgestellt, dass die völkische Vereinnahmung gerade in der Nachkriegszeit nur von wenigen Akteuren ausgeht“, erklärt Eikermann. In der öffentlichen Wahrnehmung dominierten diese Leute aber die Debatte. Stefanie Haupt verspricht beipflichtend: „Von daher dürfte diese wissenschaftliche Schwarte auch für Menschen jenseits des Fachpublikums von Interesse sein.“ Überhaupt biete das Werk einen guten Überblick über die wechselhafte Geschichte des Naturmonuments.

Den Forschern gehe es darum, endlich wieder Objektivität in die Debatte zu bringen, Vorsicht und Abwägung auf den Schild zu heben: „Die Quellenlage ist nicht gerade leicht“, befindet Co-Autor Ulrich Meier. Die Inschriften an den Externsteinen seien zu weiten Teilen um die Zeit des Hochmittelalters entstanden, weshalb fundierte Nachweise sehr rar seien.

Diese Quellenlage mache es natürlich schwierig, endgültige Behauptungen zu fällen, wie Roland Linde zugibt. Dies sei allerdings angesichts der teils abenteuerlichen Deutungen von selbst ernannten Experten eine notwendige Abwechslung. Dennoch sei genug Interessantes in dem Buch zutage gefördert worden, es werfe wichtige Fragen auf.

Dabei findet Zelle: „Wir haben nichts Grundsätzliches gegen Hobbyhistoriker. Leider hatten viele der Laienhistoriker in der Vergangenheit aber ideologische Ziele und kein echtes Interesse an objektiver Forschung.“ Nach wie vor sei die rechte Szene beim Thema Externsteine aktiv – so aktiv, dass bei der öffentlichen Buchvorstellung Donnerstagabend Störungen befürchtet worden waren. Die von der Polizei überwachte Präsentation verlief aber ohne Vorfall.

Verschiedene Perspektiven

Das neue Buch „Die Externsteine – Zwischen wissenschaftlicher Forschung und völkischer Deutung“ erkundet auf rund 600 Seiten das Phänomen der Felsformationen aus zwei Perspektiven. Die erste Hälfte beschäftigt sich mit den Externsteinen selbst. Es geht um die Echtheit der Inschriften und die mutmaßliche astronomische und christliche Symbolik der Steine.

Die zweite Hälfte wiederum beschäftigt sich vor allem mit völkischen und esoterischen Zirkeln, die die Steine seit dem 19. Jahrhundert anziehen. Das Buch kostet 60 Euro und ist ab sofort im Handel erhältlich.

Bildunterschrift: Solides Ergebnis: (von links) Roland Linde, Burkhard Beyer, Dr. Michael Zelle, Larissa Eikermann und Stefanie Haupt werfen an den Externsteinen einen Blick in das Resultat jahrelanger und intensiver historischer Forschung.

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