Warum ICH-Biographiearbeit …


Novalis (1772 – 1801)

sagt über die AUFGABE DER BILDUNG in seinen Blütenstaub-Fragmenten:


Die höchste Aufgabe der Bildung ist, sich seines transzendentalen Selbst zu bemächtigen, das Ich seines Ich’s zugleich zu sein. Um so weniger befremdlich ist der Mangel an vollständigem Sinn und Verstand für Andere. Ohne vollendetes Selbstverständnis wird man nie andere wahrhaft verstehen lernen.


Wenn Europa in den letzten 100 Jahren von Weltkrieg zu Weltkrieg „stolperte“, so zeigt das das gesamte Versagen unseres bisherigen Bildungsverständnisses von Schule und Hochschule.

Ich wage auch zu bezweifeln, dass Pisa-Studien dem abhelfen, denn sie zeigen ja nur die Schwächen auf, ohne in irgendeiner Weise auch nur einen besseren Weg zu benennen. Und auch die Tatsache, dass der Pisa-Chef selbst Waldorfschüler war, hilft niemandem, wenn die Bildungspolitik weiter im Totalversagen und hehren Fürbitten nach Amokläufen jetzt auch in deutschen Schulen sich ergeht.

Überall fragt man nach Werten in Europa – und (er)findet sie (sich) in Verehrung z.B. des Dalai Lama, eines Asiaten …

Dabei haben gerade die Deutschen alle grossen Geister in ihrem Volk hervorgebracht, die die Welt sucht. Jedem nationalen Missbrauch abhold, sagt Novalis etwas über die Trennung unseres Ichs in Alltags-Ichs und ein „transzendentes“ höheres ICH, dass ich zukünftig so gemeint hier eben deswegen grossbuchstabig schreiben werde.

Jeder Mensch erlebt in seinem Erwachsenendasein diese Spaltung, diese gravierende Kluft – und es ist an jedem von uns, sie zu verleugnen und damit zu retardieren oder den eigenen Arzt, den Merkurstab in sich zu ergreifen – und sich daran aufzuraffen: Als Pass-Deutscher wird man evtl. glücklicherweise geboren, Deutscher im geistigen Sinne wird man, wenn man sich bemüht, Mensch im menschheitlichen Sinne zu werden.

Bei dieser vom Leben selbst sich stellenden Aufgabe braucht es manchmal Hilfe: ICH-Biographiearbeit bemüht sich um solche Hilfestellungen.

ICH-Biographiearbeit ist gedacht für Menschen, die ihre Fragen beantworten und dazu auch noch möglichst richtig beantworten wollen. Der grosse Mahatma Gandhi sagte einmal sinngemäss: Sei Du die Veränderung, die Du in der Welt vermisst.

Der Anspruch ist also ein grosser. Biographiearbeit in diesem Sinne ist keine Therapie seelischer Krankheit. Sie wendet sich als Angebot an Menschen, die „ganz gesund“ ahnen, dass die eigenen Gewissens-Fragen heute existenziell sind und dass ich, jeder Mensch heute diese Fragen zu beantworten ernsthaft lernen sollte.

Dieses „innere Hören“ zu entwickeln, ist Sinn und Zweck der gemeinsamen Arbeit.

 

Gunther Thriene