„… Am 2. März 1943 mussten mindestens 76 jüdische Frauen, 124 Männer, 20 Kinder und 13 Säuglinge am Bielefelder Bahnhof Viehwaggons besteigen, die nach Auschwitz fuhren.“

 

… und: Die Reaktion der typisch deutschen Spiessbürger-Gesellschaft 75 Jahre später darauf …

 

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Neue Westfälische – Bielefelder Tageblatt, 02.03.2018:

Gedenkveranstaltung wegen Streit abgesagt

Namenslesung am Hauptbahnhof: Veranstalter und Jüdische Kultusgemeinde geraten aneinander

Bielefeld (mönt). Die Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Deportation von Juden ins Vernichtungslager Auschwitz ist abgesagt worden. Sie sollte am Sonntag, 4. März, sein. Der Grund ist ein Streit im Vorfeld zwischen der Friedensgruppe der evangelischen Altstädter Nicolaigemeinde als Ausrichter und der Jüdischen Kultusgemeinde.

Seit 1998 werden am Mahnmal vor dem Hauptbahnhof die Namen der Deportierten zu den runden Jahrestagen vorgelesen. Doch „in der Organisation und Durchführung dieser Gedenkveranstaltung sind Herausforderungen entstanden, die wir noch nicht klären konnten. Es besteht die Gefahr, dass diese Probleme eine würdige Erinnerung an die Ermordeten überschatten“, schreibt Martin Decker von der Friedensgruppe in einer Erklärung. „Wir bemühen uns, den Konflikt beizulegen und die Namenslesung zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen“, so Decker weiter.

In diesem Punkt ist er sich mit Irith Michelsohn von der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld einig. Ansonsten sind die beiden unterschiedlicher Ansicht über die Art der Veranstaltung. Beide nennen auch unterschiedliche Streitgründe. Während Decker sagt, die Jüdische Gemeinde sei wegen der Beteiligung einer Moschee an dem Gedenken nicht dabei, bestreitet Michelsohn das ausdrücklich. Sie hält die Einbeziehung einer türkisch geprägten Moschee zwar für unpassend für dieses Gedenken, das sei aber nicht Anlass des Konflikts. „Als legitimer Rechtsnachfolger der ermordeten Juden sind wir nicht angefragt worden“, kritisiert sie. Decker indes sagt, die Gemeinde sei informiert worden. Nun wird ein Gesprächstermin zur Beilegung des Streits gesucht.

Bildunterschrift: Von der Friedensgruppe: Martin Decker.

Bildunterschrift: Jüdische Gemeinde: Irith Michelsohn.

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Westfalen-Blatt / Bielefelder Zeitung, 02.03.2018:

Nach Kritik: Gedenkveranstaltung abgesagt

Veranstalter planen Gespräch mit Jüdischer Kultusgemeinde – „Bedauere, dass es zum Konflikt gekommen ist“

Von Stefan Biestmann

Bielefeld (WB). Die Friedensgruppe der evangelischen Altstädter Nicolaikirchengemeinde hat die für Sonntag am Hauptbahnhof geplante Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Juden-Deportation von Bielefeld nach Au­schwitz abgesagt. Die Jüdische Kultusgemeinde Bielefeld hatte zuvor kritisiert, dass sie zu der Namenslesung weder eingeladen noch in die Planungen einbezogen worden sei.

„Ich bedauere sehr, dass es zu einem Konflikt gekommen ist“, sagt Mitinitiator Martin Decker von der Friedensgruppe. „In der Organisation der Gedenkveranstaltung sind Probleme entstanden, die wir noch nicht klären konnten. Es besteht die Gefahr, dass diese Probleme eine würdige Erinnerung an die Ermordeten überschatten.“

Deswegen habe man mit „großem Bedauern“ die Gedenkveranstaltung abgesagt. „Wir bemühen uns, den Konflikt beizulegen und die Namenslesung zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen“, schreibt Decker in der Erklärung gemeinsam mit den Mitinitiatoren – der Bielefelder Initiative gegen Antisemitismus und Islam-Feindschaft sowie der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus. Zudem gehöre die Jüdische Gemeinde Herford-Detmold zum Unterstützerkreis der Veranstaltung.

„Wir bemühen uns jetzt um ein Gespräch mit der Kultusgemeinde Bielefeld“, sagt Decker. Irith Michelsohn, Vorsitzende der Kultusgemeinde, bedauert die Absage der Namenslesung. „Es ist schade, dass die Veranstaltung nicht stattfindet. Andererseits bin ich dankbar dafür und freue mich, dass die Veranstalter auf uns zugehen. Wir sind gerne zu Gesprächen bereit.“

Die Kultusgemeinde hatte den Veranstaltern vorgeworfen, die jüdische Gemeinschaft auszugrenzen. „Die Jüdische Gemeinde Bielefeld repräsentiert die jüdische Gemeinschaft in Bielefeld, und ein Ausschluss dieser Gemeinschaft von einer Gedenkfeier ist in jeder Hinsicht unverständlich und unangemessen“, hatte Irith Michelsohn erklärt. Sie freue sich, wenn viele Menschen – egal welcher Nationalität oder Religion – an der Namenslesung teilnehmen. Dass aber die muslimische Merkez-Moschee-Gemeinde als Mitveranstalter aufgeführt werde, aber die jüdische Gemeinde Bielefeld nicht eingeladen worden sei, könne sie nicht nachvollziehen. Decker meint, dass es wichtig sei, auch Migranten in die Erinnerungskultur an den Holocaust einzubinden – da auch in Bielefeld immer mehr Menschen Migrationshintergrund hätten.

Die Merkez-Moschee-Gemeinde gehört zum Dachverband Ditib, der von Kritikern als verlängerter Arm des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan angesehen wird. Nach Einschätzung des Integrationsrats-Chefs Mehmet Ali Ölmez sei der Vorstand dieses Moschee-Vereins bemüht, sich neutral zu verhalten – und sei „besonders offen für das Thema Integration“. Aber auch Ölmez kritisiert die Pläne für die Gedenkveranstaltung: „Man muss die Jüdische Gemeinde bei so einer Veranstaltung mit einbinden. Es ist gut, dass jetzt Gespräche geplant sind.“

Die Initiative Mahnmal der Friedensgruppe der evangelischen Altstädter Nicolaigemeinde veranstaltet seit 1988 zum Jahrestag der Deportation von Bielefeld nach Auschwitz Namenslesungen. Am 2. März 1943 mussten mindestens 76 jüdische Frauen, 124 Männer, 20 Kinder und 13 Säuglinge am Bielefelder Bahnhof Viehwaggons besteigen, die nach Auschwitz fuhren.

Bildunterschrift: Irith Michelsohn.

Bildunterschrift: Martin Decker.

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Westfalen-Blatt / Bielefelder Zeitung, 02.03.2018:

Heute im Lokalteil / Namenslesung abgesagt

Die geplante Gedenkveranstaltung mit Namenslesung zum 75. Jahrestag der Juden-Deportation ist abgesagt worden. Die Jüdische Kultusgemeinde hatte kritisiert, dass sie nicht eingeladen wurde.

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Westfalen-Blatt, 02.03.2018:

Gedenkstunde abgesagt

Bielefeld (WB/sb). Eine für diesen Sonntag am Bielefelder Hauptbahnhof geplante Gedenkveranstaltung mit Namenslesung zum 75. Jahrestag der Juden-Deportation von Bielefeld nach Auschwitz ist abgesagt worden. Die Jüdische Kultusgemeinde Bielefeld hatte kritisiert, dass sie weder eingeladen noch in die Planungen des Gedenkens einbezogen worden sei. „Ich bedauere sehr, dass es zu einem Konflikt gekommen ist“, teilte Mitinitiator Martin Decker mit. Jetzt sei ein Gespräch mit der Kultusgemeinde geplant, um über einen gemeinsamen Nachholtermin für die Namenslesung zu sprechen.

 


Neue Westfälische – Bielefelder Tageblatt, 05.03.2018:

Leserbriefe an bielefeld@nw.de / Namenslesung

Zum Konflikt, der dazu führte, dass die Namenslesung am Mahnmal vor dem Hauptbahnhof abgesagt wurde, schreibt Renee Schifter aus Tel Aviv:

Jüdischen Mitbürgern aus Bielefeld und Umgebung soll durch eine Namenslesung gedacht werden. Ich selbst konnte an einer solchen Veranstaltung einmal teilnehmen und fand sie bewegend und würdevoll.

Nun aber wurde die Veranstaltung abgesagt, weil sich Martin Decker und Irith Michelsohn streiten. Die Hintergründe des Streits sind mir nicht klar.

Davon einmal ganz abgesehen, haben Frau Michelsohn und Herr Decker bei ihrem Streit wohl nicht daran gedacht, dass es in der heutigen Zeit, in der Reichsbürger und Neonazis wieder ziemlich ungestört ihr Unwesen treiben können, es wohl besser gewesen wäre, hätten sie ihre Auseinandersetzung „hinter den Kulissen“ ausgetragen, ohne die Öffentlichkeit und die Medien zu involvieren.

Es geht schließlich bei dieser Veranstaltung um das Gedenken an die ermordeten Juden und nicht um das Ego einzelner Personen, und das wurde im vorliegenden Fall offenbar völlig aus den Augen verloren. Schade!!

Renee Schifter
Tel Aviv

(Alles zitiert nach  hiergeblieben.de )

 

 

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