„Bielefelder erinnern sich an die Geschehnisse der letzten Kriegstage …“

 

Zeitung für Bielefeld und Schloß Holte-Stukenbrock , 06.04.2020 :

„Man kann es eigentlich nicht glauben“

Bielefelder erinnern sich an die Geschehnisse der letzten Kriegstage

Von Heinz Stelte

Bielefeld (WB). Die Artikelserie über das Ende des Zweiten Weltkriegs in Bielefeld hat bei zahlreichen Lesern Erinnerungen an jene Zeit wachgerufen. Einige von ihnen schildern nachfolgend ihre Erlebnisse in den ersten Apriltagen des Jahres 1945.

Richard Völker (Jahrgang 1938)

Richard Völker war sieben Jahre alt, als die Amerikaner nach Brackwede kamen. Die Familie wohnte nahe der Bahnlinie. Völkers Vater, gelernter Maler, arbeitete in einem nahe gelegenen Rüstungsbetrieb, spritzte dort Flugzeugteile. „Eine sehr gesundheitsschädliche Arbeit, es gab ja keine Schutzmasken oder Ähnliches“, erzählt der heute 82-Jährige.

Direkt am Haus vorbei fuhren die Kohlezüge aus dem Ruhrgebiet kommend Richtung Norden, die nicht selten von englischen Tieffliegern beschossen wurden. In den letzten Kriegsmonaten saßen immer mehr Flüchtlinge auf den Zügen. „Wir haben dann Äpfel zu denen hochgeworfen, dafür warfen sie ein paar Kohlen herunter“, erinnert sich Völker, der noch immer an der Sportstraße eine Physio-Praxis betreibt. Viele Menschen hätten aber auch versucht, auf die Züge aufzuspringen, und dies mit ihrem Leben bezahlt. Seine Mutter, so Völker, habe ihm das und das Stehlen der Kohle verboten. „So bin ich immer mit meinem Korb direkt zum Lokführer gegangen. Die waren meist freundlich und legten dem Jungen ein dickes Stück in den Flechtkorb.

Als die Amerikaner Anfang April Brackwede erreichten, wurde Völkers Vater zum Volkssturm beordert. „Mit sieben Mann sollten sie die Panzersperre an der Gütersloher Straße verteidigen. Dabei hatten sie überhaupt keine passende Munition für ihre Gewehre, konnten keinen Schuss abgeben“, weiß der Brackweder. Drei deutsche Soldaten, die unweit des Völkerschen Hauses lagen, schossen mit ihrer letzten Panzerfaust einen amerikanischen Panzer kampfunfähig und flüchteten dann auf das Anwesen der Familie Völker. „Die standen in unserem Garten, und meine Mutter bot ihnen ein paar alte Sachen an, damit sie ihre Uniformen ausziehen und abhauen konnten. Doch einer der drei, ein Obergefreiter, weigerte sich und herrschte meine Mutter an, sie wolle sie wohl zur Fahnenflucht anstiften. Die drei sind dann verschwunden.“

Die Situation in Brackwede, hier noch die Deutschen, dort bereits die Amerikaner, habe auch zu kuriosen Situationen geführt. Richard Völker: „Nicht weit von uns wohnte ein überzeugter Nationalsozialist, dort hing immer die Hakenkreuz-Fahne aus dem Fenster. Als die Amerikaner kamen, haben sie sofort auf dieses Haus geschossen. Da hat der Mann die weiße Fahne rausgehängt. Dann haben die Deutschen geschossen. Er hat an diesem Tag viermal die Fahne gewechselt.“

Als die Amerikaner dann Bielefeld erobert hatten, kamen die Kinder und Jugendlichen sogleich in Kontakt zu den alliierten Soldaten. „Die waren sehr freundlich, haben uns Schokolade und Kaugummi geschenkt.“ Weniger gut benahmen sich dagegen viele Fremdarbeiter. „Eines Tages standen zwei holländische Militärpolizisten und eine Gruppe Polen vor unserem Haus“, erinnert sich Richard Völker. „Die haben unsere gesamten Schränke ausgeräumt, alles mitgenommen.“ Solche Plünderungen seien damals an der Tagesordnung gewesen. Der Gang zur Polizei habe da wenig bewirkt.

Nach Kriegsende hat eine Marotte des Vaters der Familie geholfen. Er hatte große Mengen Tabak und Zigarren gehortet. „Damit sind wir auf die umliegenden Bauernhöfe gezogen, haben Tabak gegen Speck und Wurst getauscht.“ Überhaupt habe die Familie Glück gehabt, denn auf dem eigenen großen Grundstück wurden schon während des Krieges Kaninchen gehalten und Gemüse oder Kartoffeln angebaut, später dann Steckrüben. Völker: „Daraus wurde dann Rübenkraut gemacht, dazu gab es Maisbrot. Jeden Tag. Ich esse bis heute kein Rübenkraut mehr.“

Siegfried Wehrmann (Jahrgang 1932)

Siegfried Wehrmann lebte während des Krieges auf Gut Wilhelmsdorf, dort war sein Vater beschäftigt. Dort lebten vor dem Krieg so genannte „Brüder der Landstraße“, mit Beginn des Russland-Feldzuges bezogen russische Kriegsgefangene die Unterkünfte. „Hinter dem Wohngebäude wurde eine Auslauffläche hergerichtet, mit einem ziemlich hohen Zaun“, berichtet Wehrmann. Die Gefangenen wurden von normalen deutschen Soldaten bewacht, manche waren aber tagsüber auch gänzlich ohne Aufsicht. „Und ich? Man kann es eigentlich nicht glauben. Ich ging in dem Lager ein und aus, ich saß auf den Betten der Russen“, erinnert sich der heute in Bremen lebende Siegfried Wehrmann. „Ein Gefangener schnitzte mir aus einem größeren Holzstück einen gefiederten Hahn, den er irgendwie auch noch bemalte.“ Auf dem Gut waren auch noch eine Gruppe polnischer Zwangsarbeiter und einige Franzosen untergebracht.

Dann kam das Kriegsende. Wehrmann: „Alle verließen ihre Unterkünfte. Die Polen zogen marodierend durch die Umgebung, während die russischen Gefangenen bald zurückkamen.“ Sie hätten sich weiterhin um die Arbeit auf dem Gut gekümmert, aber auch nicht gewusst, wohin. Denn zurück in die Sowjetunion konnten oder wollten viele Kriegsgefangene nicht. „Man hatte ihnen eingetrichtert: Wer sich gefangen nehmen lässt, ist ein Kollaborateur.“

Sein großer Bruder, berichtet Siegfried Wehrmann, sei in das große Kriegsgefangenenlager in Rheinberg am Niederrhein gekommen. „Dort mussten sie sich Gruben als Unterkunft graben, denn Gebäude gab es nicht.“ Zahlreiche heimatlose ehemalige deutsche Soldaten seien nach Kriegsende auf Gut Wilhelmsdorf „gestrandet“. Wehrmann: „Bei einem von ihnen habe ich ausreichend Grundkenntnisse in Latein erworben, sodass ich dann von der Realschule auf ein Gymnasium wechseln konnte.“

Sein Bruder Ulrich, der heute in Sennestadt lebt, war bei Kriegsende drei Jahre alt und kann sich nur noch an eine Begebenheit erinnern: „Über unser Haus in Wilhelmsdorf flog ein brennendes Flugzeug, das dann am Krackser Bahnhof abstürzte.“

Ignaz Peine (Jahrgang 1928)

Der heute 91-jährige Ignaz Peine war 1943 von Bielefeld zur Fliegertechnischen Vorschule nach Berlin gewechselt. Nach einem Kinobesuch lasen er und ein Freund in der Nachtausgabe einer Zeitung, dass der Amerikaner beiderseits von Bielefeld durchgestoßen war. „Da haben wir uns gesagt: Wir müssen jetzt verschwinden“, erinnert sich Peine. Die beiden Jugendlichen besorgten sich Fahrkarten für den Fernzug Berlin – Köln (Peine: „Der fuhr sogar noch fahrplanmäßig“), sie kamen aber nur bis Porta Westfalica. „Die Brücke über die Weser war gesperrt und bereits mit Sprengladungen bestückt worden, damit sie nicht dem Feind in die Hände fallen konnte. Wir beknieten den verantwortlichen Offizier, uns noch über die verminte Brücke zu lassen. Schließlich gab er nach“, berichtet der Bielefelder. Peine und sein Freund gingen von dort zu Fuß nach Hillegossen, dort wohnte eine Tante seines Gefährten. Dort lagen aber bereits die Amerikaner. „Die haben uns erst einmal gefangen genommen, dann aber wieder frei gelassen und uns Zigaretten gegeben.“ Überhaupt sei der Kontakt zu den fremden Soldaten sehr unproblematisch und freundlich gewesen, erinnert sich Ignaz Peine.

Hermann Homann (Jahrgang 1930)

Hermann Homann war bei Kriegsende 15 Jahre alt. 1941 hatte er bei einem Bombenangriff Vater und Großmutter verloren, überlebte selbst nur schwer verletzt und wurde 1944 erneut ausgebombt. 1945 wäre Homann beinahe für den Exekutionstrupp des Brackweder Bürgermeisters Hermann Bitter rekrutiert worden. Bis heute hat er einige Szenen genau vor Augen, die sich am Morgen des 3. April im Bielefelder Horst-Wessel-Haus abspielten. Chronisten gingen bislang davon aus, dass das Bittersche Exekutionskommando im Sedan-Bunker zusammengestellt worden sein muss. Nach Homanns Erinnerungen wurde aber auch im Horst-Wessel-Haus, wo sich zu diesem Zeitpunkt nur noch versprengte Soldaten auf dem Rückzug, Leute von SA und Volkssturm in einem wachsenden Chaos aufhielten, nach Todesschützen für den Bürgermeister gesucht. Er hat es selbst miterlebt. Der Jugendliche arbeitete als Aufpasser im Horst-Wessel-Haus, erlebte dort auch Aktenverbrennungen im Innenhof. Am Morgen des 3. April soll im Haus eine besonders aggressive Stimmung geherrscht haben. „Es war durchgedrungen, dass Brackwedes Bürgermeister am Vortag den Amerikanern die Panzersperren hatte öffnen wollen und dass „der Schweinehund“, so sagten sie, dafür von einem noch zu findenden Kommando erschossen werden sollte“, berichtet Homann. „Da kriegte ich Muffensausen. Ich hatte fürchterliche Angst davor, dass sie mich dazu mitnehmen würden und habe mich in dem großen Haus so versteckt, dass mich keiner finden konnte.“ Wenig später sei tatsächlich ein von der NSDAP-Kreisleitung im Sedan-Bunker beauftragter Trupp ins Horst-Wessel-Haus gestürmt, um die Todesschützen zu rekrutieren. Der Trupp fuhr ohne Hermann Homann wieder vom Hof.

Walter Barking (Jahrgang 1945)

Walter Barking (geboren im Juni 1945) aus Heideblümchen ist der Sohn des gleichnamigen deutschen Soldaten, der wie berichtet am 1. April von SS-Männern in einem Wäldchen am Krackser Bahnhof erschossen wurde. Es sei jedoch nicht so gewesen, dass sein Vater ein Versprengter, so Barking, sondern am Vormittag aus dem Bethel-Lazarett Eckhardtsheim entlassen worden war. Auf dem Weg zu seiner schwangeren Frau, die in Senne II wohnte, wurde er zunächst von SS-Männern überprüft, da man ihn für einen Deserteur hielt. Dann drückte man ihm eine Panzerfaust in die Hand, der Umgang mit dieser Waffe war Barking wahrscheinlich gar nicht geläufig. Durch Sichtbehinderung zur Straße kam es zu dem beschriebenen Fehlschuss auf einen deutschen Panzer, bei dem zwei SS-Männer getötet wurden. Walter Barking wurde von den anderen SS-Männern gestellt, brutal zusammengeschlagen und schließlich mit mehreren Pistolenschüssen in das Genick getötet.

Bildunterschrift: Richard Völker wurde 1938 geboren und hat das Kriegsende in Brackwede als Kind miterlebt, er betreibt noch heute in seinem Elternhaus eine Physio-Praxis. Sein Vater stand als Volkssturmmann an den Panzersperren, die der damalige Brackweder Bürgermeister öffnen ließ und das mit dem Tode bezahlte.

Bildunterschrift: Siegfried Wehrmann wohnte 1945 auf Gut Wilhelmsdorf, er besuchte als Jugendlicher oft das Kriegsgefangenenlager auf dem Gut.

Bildunterschrift: Hermann Homann steht an der Alfred-Bozi-Straße, wo sich früher das Horst-Wessel-Haus befand.

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Westfalen-Blatt / Zeitung für Bielefeld und Schloß Holte-Stukenbrock, 04./05.04.2020:

Geläutert der eine, fanatisch der andere

Zwei Führungspersonen und ihr Ende

Fritz Budde

Die Partei ist für ihn „unsere herrliche Bewegung“, schon ein Jahr vor der Machtergreifung sieht er in einer Rede Deutschlands Schicksal sich mit grausamer Logik erfüllen, „wenn nicht in letzter Sekunde ein Führer entsteht, der das von politischen und wirtschaftlichen Brandungswogen umhergeworfene Staatsschiff vor dem Zerschellen bewahrt“. Fritz Budde, Jahrgang 1895, ist Nationalsozialist durch und durch. 1931 tritt er in die NSDAP ein, schon zwei Jahre später wird der Steuersekretär Kreisleiter. Der SA-Obersturmbandführer wird 1935 Oberbürgermeister, von 1936 bis 1941 zudem Gauinspektor des NSDAP-Gaues Westfalen-Nord. Mit politischen Gegnern geht Budde hart ins Gericht. Doch der Oberbürgermeister weckt auch schon früh das Interesse der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), da er das Bonzen-Gehabe einiger Mitstreiter anprangert. In den Wochen vor dem Zusammenbruch gerät er mehr und mehr in Gewissenskonflikte und eckt an. Budde sucht in dieser Zeit die Nähe des späteren Johanneswerk-Gründers Karl Pawlowski, beide treffen angeblich geheime Verabredungen für die „Stunde 0“. Pawlowski versteckt den Oberbürgermeister nach der Einnahme Bielefelds zunächst, acht Tage später wird Budde im Haus Nebo in Bethel von den Amerikanern verhaftet und inhaftiert. Im Juli 1947 wird er im Entnazifizierungsverfahren in die Kategorie V (Unbelastete) eingestuft, in einem weiteren Verfahren im Jahre 1949 in die Kategorie IV „ohne Beschränkungen“ eingeordnet. Fritz Budde stirbt im August 1956 in Bielefeld.

Gustav Reineking

Der NS-Kreisleiter Gustav Reineking, geboren 1900 in der Nähe von Lemgo und aufgewachsen in der Grafschaft Schaumburg, gilt als jähzornig und aufbrausend. Er ist seit 1930 Mitglied in der NSDAP, seit 1941 Bereichsleiter und seit 1942 Oberbereichsleiter. Am 1. April setzt sich Reineking mit der Parteiführung nach Rinteln ab. Als Volkssturmmann kämpft er danach in Herford und den Luhdener Klippen bei Rinteln. Dabei wird Reineking an Brust und Arm verwundet und in den dortigen Klippenturm gebracht. Die heranrückenden Amerikaner nehmen die Turm-Insassen gefangen, die Verwundeten müssen vor dem Turm antreten. Reineking sackt zusammen. Als die Gefangenen abgeführt werden sollen, fällt ein Schuss, der Kreisleiter ist tot. Dies wird jedoch erst Jahre später amtlich. Nach dem Krieg ist sein Verbleib zunächst unklar, es gibt Gerüchte, er sei noch am Leben. Am Landgericht Bielefeld wird 1947 gegen ihn und 18 andere Personen eine Voruntersuchung wegen Brandstiftung an der Bielefelder Synagoge eröffnet. Das Verfahren gegen ihn wird zwei Jahre später eingestellt, da „auf Grund der umfangreichen Ermittlungen als nahezu sicher angenommen werden müsse, (… ), dass er 1945 gefallen ist“.

Bildunterschrift: Oberbürgermeister Fritz Budde.

Bildunterschrift: NS-Kreisleiter Gustav Reineking.

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Westfalen-Blatt / Zeitung für Bielefeld und Schloß Holte-Stukenbrock, 04./05.04.2020:

Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht (4. April)

Bei der Heeresgr. H gleiche Lage. Der Feind besetzte Lingen und stieß darüber hinaus vor. Osnabrück ging verloren. Um den Teutoburger Wald Kämpfe. Bei Oeynhausen an der Weser wird eine neue Linie aufgebaut.

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Westfalen-Blatt / Zeitung für Bielefeld und Schloß Holte-Stukenbrock, 04./05.04.2020:

„Ergebt euch, dann wird euch nichts geschehen“

Die letzten Kriegstage: Die weiße Fahne weht am Rathaus

Von Heinz Stelte

Bielefeld (WB). Wer es tatsächlich am späten Nachmittag am Rathaus gehisst hat, das weiße Laken, das in Bielefeld den Zweiten Weltkrieg beendete, ist ungeklärt. War es Oberbürgermeister Fritz Budde, der ehemals „stramme Nazi“, der in den letzten Kriegstagen mehr und mehr von der Linie seiner Partei abweicht und sich in jenen Tagen in einem tief deprimierten Zustand befindet? War es Karl Pawlowski, der spätere Gründer des Johanniswerks, der sich in den Wochen zuvor mehrmals mit Budde zu konspirativen Gesprächen traf und den Oberbürgermeister nach dem Einmarsch der Amerikaner versteckt? War es der Volkssturmmann Albert Wiese, der laut eigener Aussage gemeinsam mit einer ihm unbekannten Person von einem Tisch des Ratskellers ein weißes Tischtuch reißt und es aus einem Rathausfenster hängt? Oder die damalige Ratskeller-Chefköchin Luzie Schmidtsmeier, die zusammen mit einem Kochlehrling später diese Tat für sich beansprucht?

Es ist etwa 6 Uhr in der Frühe, als die Amerikaner von Ummeln aus zum Vormarsch auf Bielefeld ansetzen. An der Gütersloher Straße in der Nähe der Kreuz-Apotheke bewacht ein Volkssturm-Bataillon unter Leitung des Fabrikanten Richard Dohse eine Panzersperre. Gegen 13 Uhr tauchen dort die ersten amerikanischen Panzer auf, sie werden mit Panzerfäusten beschossen, jedoch nicht getroffen. Die Panzer ziehen sich zurück, kommen zurück, beschießen die deutschen Verteidiger erneut. Dohse wendet sich in seiner Not an den Kampfkommandanten Oberst Sommer im Sedanbunker und bekommt zur Antwort: „Sie haben noch zwei Karabiner mit je fünf Patronen, das gibt zehn tote Amerikaner. Sie haben bis zum letzten Mann zu halten!“ Dohse schickt seinen Adjutant Daniel Delius in den Bunker. Der trifft in der Kommandozentrale auf NS-Funktionäre, die sich Wehrmachtsuniformen übergestreift haben, um im Falle einer Gefangennahme als normale Soldaten behandelt zu werden. Dohse bringt ein paar versprengte oder genesene Soldaten zur Unterstützung mit.

Gegen 15 Uhr rücken die Amerikaner vor, zunächst mit einem Lautsprecherwagen. „Wir sind ein christliches Volk. Mit euren paar Panzerfäusten und Gewehren könnt ihr nichts ausrichten. Ergebt euch, dann wird euch nichts geschehen. Andernfalls werden wir die Stadt in Brand schießen!“ Dohse, Delius, Ordonnanzoffizier Rudolf Oetker und Bataillonsarzt Dr. Dopheide beraten die Situation. Dopheide fordert Dohse auf, an der Sparrenburg die weiße Fahne zu hissen, der Bataillonskommandeur lehnt ab, will sich nicht vorwerfen lassen, das Vaterland im Stich gelassen zu haben. Eine letzte Durchsage, dann eröffnen die Amerikaner das Feuer, schweres Räumgerät beseitigt die Sperre. Die Verteidiger ergeben sich, der Volkssturm löst sich auf. Für Dr. Walter Goch, Redakteur bei der Partei-Zeitung „Westfälische Neueste Nachrichten“, kommt dies alles zu spät. Der Volkssturmmann wird aus dem Fenster des Fotoateliers Lohöfner bei einer Zigarettenpause erschossen. Er ist vermutlich das letzte Todesopfer der Kämpfe um Bielefeld.

Auch an anderen Punkten gibt es kaum noch Gegenwehr. Am Bahndamm südwestlich vom Bahnhof Brackwede liegt die 1. Alarmkompanie Westerheide, doch mit ihrer Bewaffnung kann sie den amerikanischen Panzern nichts anhaben. Sie zieht sich nach Lemgo zurück. Am Lönkert in Brackwede halten etwa 70 bis 80 deutsche Soldaten die Amerikaner über Stunden auf, am Nachmittag erlahmt ihr Widerstand. Eine Hälfte ergibt sich, der Rest setzt sich ab. Vier deutsche Soldaten finden hier am letzten Kriegstag für Bielefeld den Tod, wie auch an der Lutterkolk-Sperre, wo 20 Deutsche bis zum Mittag ausharren.

Um kurz nach 17 Uhr versucht Bataillonsführer Astroth im Auftrag von Bürgermeister Dr. Kurt Graeven, im Sedanbunker Oberst Sommer zu erreichen, nachdem ihm die Nachricht zugetragen wurde, der Krieg in Bielefeld sei vorbei, die kämpfende Truppe setze sich ab. Doch Astroth erreicht lediglich noch die Vermittlung. Wenig später ertönen Lautsprecherdurchsagen der Amerikaner, die Bevölkerung solle sich in die Keller begeben, die Stadt werde beschossen, wenn die Panzersperren nicht geöffnet würden. Mindestens 60 große und kleine Panzer und Begleitfahrzeuge rollen gegen 17.30 Uhr über die Gütersloher Straße Richtung Stadtmitte, geführt offensichtlich vom damals 16-jährigen Bäckerlehrling Richard Steinsiek und einem weiteren Jugendlichen, die aus Neugierde den Amerikanern entgegen geradelt waren. Zur Belohnung erhalten die Jugendlichen Zigaretten und Süßigkeiten. Der Krieg ist für die Bielefelder vorbei.

Die letzten fünf Kriegstage

Vor genau 75 Jahren, am 31. März, erreichen die amerikanischen Truppen Bielefeld, am 4. April weht am Rathaus die weiße Fahne. Fünf Tage dauert es, bis die Alliierten Bielefeld einnehmen. Nicht etwa, weil der Widerstand so groß ist, sondern weil die Amerikaner sehr vorsichtig vorgehen und die Großstadt am Teutoburger Wald strategisch weitestgehend unwichtig geworden ist. Das Westfalen-Blatt schildert in einer Serie die Ereignisse dieser letzten fünf Kriegstage in und um Bielefeld.

Bildunterschrift: Das Rathaus gegen Kriegsende – dort weht am 4. April gegen 18 Uhr die weiße Fahne.

Bildunterschrift: Am 4. April rollen die amerikanischen Panzer (hier ein Bild aus dem Film „Als die Amerikaner kamen“ des LWL) durch Bielefeld, der Krieg für die Bielefelder ist beendet.

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Westfalen-Blatt / Zeitung für Bielefeld und Schloß Holte-Stukenbrock, 31.03.2020:

Mit zwei Panzern gegen eine ganze Armee

Die letzten Kriegstage in Bielefeld: ein aberwitziger Führerbefehl

Von Heinz Stelte

Bielefeld (WB). Die Sirenen wollen nicht mehr verstummen. Fünf Minuten heulen sie an diesem Karsamstag. Es ist 20 Uhr, und das Signal verkündet: Feindalarm. Die ersten amerikanischen Verbände haben die Bielefelder Kreisgrenze erreicht.

Den Krieg kennen die Bielefelder bislang nur aus der Luft. Sie haben schwer darunter gelitten. Im Juni 1940 waren die ersten Bomben auf Bielefeld gefallen, beim schwersten Luftangriff im September 1944 ließen 650 Menschen ihr Leben. Tiefflieger hatten Straßen und Schienenwege unsicher gemacht, Reisen war praktisch unmöglich geworden. Die Front allerdings, sie schien für viele Bielefelder bis zu diesem Osterfest noch weit weg. Informationen über die wahre militärische Lage gab es kaum, über das Tempo des amerikanischen Vormarsches nach dem Überqueren des Rheins vor gut drei Wochen wusste die Zivilbevölkerung wenig. Am Karsamstag jedoch ändert sich das. Endlose Fahrzeugkolonnen zurückweichender deutscher Kräfte schieben sich durch die Gütersloher und Haller Straße. Dabei soll am Teutoburger Wald laut einem Führerbefehl „bis zum letzten Mann“ gekämpft, der Vormarsch des Feindes hier gestoppt werden.

Doch für dieses Unterfangen stehen dem Wehrmachtskommandanten von Bielefeld, Generalmajor Karl Beche, lediglich etwa 6.500 bis 7.000 Mann zur Verfügung – für einen Abschnitt von Hilter im Osnabrücker Land bis nach Horn im Lippischen. 3.500 Männer liegen rund um Bielefeld. Ihre Ausrüstung: vier Flak-Geschütze ohne Munition, zwei Panzer, von denen nur einer bedingt fahrbereit ist, und einige Panzerabwehrkanonen, deren Geschosse die amerikanische Panzerung nicht durchbrechen können. Ein paar Tage zuvor war es im Sedanbunker an der Weißenburger Straße, Kommandozentrale der örtlichen Parteiführung, zu heftigen Meinungsverschiedenheit zwischen Generalmajor Becher und dem Bielefelder NSDAP-Kreisleiter Gustav Reineking gekommen. Reineking wollte den gesamten Volkssturm der Wehrmacht unterstellen, Becher wollte die Männer jedoch nur richtig ausgerüstet und bewaffnet übernehmen. Er sah in einer Truppe betagter Männer, für die nur etwa 100 Gewehre vorhanden waren, keine Verstärkung.

Kurz nach dem Sirenensignal ergeht an alle Rüstungsbetriebe der Stadt der Befehl „Lähmung“, sie müssen ihren Betrieb einstellen. Gegen 21.45 Uhr erschüttert eine schwere Detonation den Osten der Stadt. Der Bielefelder Sicherheitsdienst hat die Autobahnbrücke in Lämershagen in der Nähe des Gasthauses Deppe gesprengt. Deutsche Truppen, etwa 2.000 Mann, beziehen noch in der Nacht Stellung in Lämershagen und Gräfinghagen.

Mit dem Feindalarm treten an diesem 31. März in Bielefeld umfangreiche Geheimbefehle in Kraft, die unter anderem die sofortige Einrichtung von Schnellgerichten vorsehen, um jeden Widerstand gegen Befehle mit schärfsten Mitteln begegnen zu können. Einer, der zwischen den Stühlen, zwischen Wehrmacht und Parteileitung, sitzt, ist Oberbürgermeister Fritz Budde. Er war in den vergangenen Tagen mit dem für die Verteidigung Bielefelds zuständigen Oberst Sommer übereingekommen, die Stadt so zu verteidigen, dass Bielefeld möglichst wenig Schaden nehmen soll.

So wurden zwar auch in der Innenstadt Panzersperren errichtet, diese später aber zunächst nicht mehr geschlossen, um einen Beschuss durch die Amerikaner und somit die Zerstörung der Stadt zu verhindern.

Die letzten fünf Kriegstage

Vor genau 75 Jahren, am 31. März, erreichen die amerikanischen Truppen Bielefeld, am 4. März weht am Rathaus die weiße Fahne. Fünf Tage dauert es, bis die Alliierten Bielefeld einnehmen. Nicht etwa, weil der Widerstand so groß ist, sondern weil die Amerikaner sehr vorsichtig vorgehen und die Großstadt am Teutoburger Wald strategisch weitestgehend unwichtig geworden ist. Das Westfalen-Blatt schildert in einer Serie die Ereignisse dieser letzten fünf Kriegstage in und um Bielefeld.

Der größte Bunker der Stadt

Mit knapp 1.800 Quadratmetern Nutzfläche ist der 1942 errichtete Sedanbunker der größte Luftschutzbunker in Bielefeld. Benannt wurde der Bunker nach den Schlachten von Sedan in den Jahren 1870 und 1940. Konzipiert als ziviler Luftschutzbunker auf drei oberirdischen und einer unterirdischen Etage, bietet er Platz für 1063 Personen.

Nach einer Änderung des Bauplanes im April 1944 ziehen unter anderem die Luftschutzleitung, die Feuerlöschpolizei und die Parteizentrale der NSDAP, die sich zuvor im Horst-Wessel-Haus in Nähe des Jahnplatzes befand, in den Bunker. Dafür werden Funkraum, Befehlsstelle und Besprechungsraum eingeplant.

Beim Einmarsch in die Stadt finden die Amerikaner den Bunker verlassen vor. Die britische Rheinarmee veranlasst in den 50er Jahren die Entmilitarisierung des Bunkers, es werden Öffnungen in die Außenwände geschnitten. Der Bunker dient den Besatzungsmächten zunächst als Verwaltungsbau, im Zuge des Kalten Krieges wird das Gebäude für den Zivilschutz reaktiviert und für einen möglichen ABC-Angriff ausgerüstet. Bis zum Jahre 2009 unterhält die Stadt Bielefeld den Zivilschutzbunker an der Weißenburger Straße, seit dem wird er privat genutzt, übergangsweise zum Beispiel als Plattencover-Museum. Wenig später verkauft die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben den Bunker, das Gebäude wird umfangreich zu einem Gebäude zum Wohnen und Sammeln von Kunst umgebaut.

Umbau und die Neugestaltung werden 2017 vom Bund Deutscher Architekten ausgezeichnet.

Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht (31. März)

Die eigene Front ist überdehnt, da der Gegner bis in den Raum westlich Münster und südwestlich Rheine vordrang. Störend macht sich bemerkbar, daß die Heeresgr. H schlecht oder gar nicht zu erreichen ist. Die südlich Paderborn eingesetzte SS-Brig. „Westfalen“ schoß 18 Panzer ab. Die Brigade steht zur Verfügung der Heeresgruppe. Bei Kassel wird eine neue Linie aufgebaut.

Bildunterschrift: In den letzten Kriegstagen liegt Bielefeld nach den schweren Luftangriffen in Schutt und Asche.

Bildunterschrift: Immer wieder hatte die Bielefelder Bevölkerung in den letzten Kriegsmonaten die Luftschutzkeller aufsuchen müssen.

Bildunterschrift: Die Amerikaner rückten nach der großen Landungsaktion und der Überquerung des Rheins am 23. und 24. März bei Wesel sehr schnell bis nach Ostwestfalen vor.

Bildunterschrift: Aus dem früheren Luftschutzbunker an der Weißenburger Straße ist ein prämiertes Wohnhaus mit Dachgarten geworden.

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Am 4. April 1945 kapitulierte Bielefeld vor der aus Gütersloh anrückenden 3. US-Panzerdivision, der Leiter des Johannesstifts, Pastor Karl Pawlowski (1898 bis 1964) – erreichte eine kampflose Übergabe der Stadt.

Am 4. April 1945 rückte die 3. US-Panzerdivision in Bielefeld ein und konnte die Stadt (nahezu kampflos) einnehmen – der vom NS-Regime entfachte Zweite Weltkrieg, die NS-Herrschaft war für Bielefeld beendet.

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www.stadtarchiv-bielefeld.de

www.bielefeld.de/de/biju/stadtar/rc/rar/01042015.html

( Alles zitiert nach  hiergeblieben.de )

 
 

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