Bevor die Nazis wieder vollends „siegen“ …

 

Mindener Tageblatt, 15.08.2017:

Über Kindheitserlebnisse sprechen

Mit seinen Vorträgen über Krieg und Nachkriegszeit stößt Robert Kauffeld auf großes Interesse bei Älteren / Viele wollen verarbeiten, was sie als Kinder und Jugendliche erlebt haben / Mancher schreibt seine Erfahrungen hernach selbst auf

Von Jürgen Langenkämper

Minden (mt). Als Robert Kauffeld gebeten wurde, über seine Kindheit und Jugend in Barkhausen während des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit zu berichten, wurde er vom Echo überrascht. Wieder und wieder wurde er eingeladen zu sprechen. „Inzwischen habe ich den Vortrag 13 Mal gehalten – vor 800 Leuten“, sagt der 84-Jährige. „Damit hätte ich überhaupt nicht gerechnet.“

Wichtiger noch als die Zahl der Zuhörer ist die inhaltliche Resonanz. Groß ist das Bedürfnis derjenigen, die damals als Kinder oft grausige, für sie schwer verständliche Dinge ansehen mussten und ihr Leben lang mit sich herum geschleppt haben, diese im Alter zu verarbeiten und darüber mit Gleichaltrigen oder Nachgeborenen zu sprechen. „Die kommen dann zum Vortrag, sprechen darüber und bestätigen sich gegenseitig, dass es damals so gewesen ist“, erzählt Robert Kauffeld.

Manche sprechen ihn nach einem Vortrag an, andere rufen später noch einmal an, und wieder andere: „Die haben ihre Erinnerungen aufgeschrieben und mir gegeben“, sagt er. So wie Johanna Mettin aus Bielefeld, die einen Beitrag in der WDR-Lokalzeit im Regionalfernsehen angeschaut und eine kleine Sammlung von Erinnerungen ihres verstorbenen Mannes an den Sender geschickt hatte. „Der WDR hat es dann an Herrn Kauffeld weitergeleitet“, berichtet die Bielefelderin (siehe unten).

Robert Kauffeld möchte mit einem Fehlurteil über den Umgang mit der NS-Zeit in der unmittelbaren Nachkriegszeit aufräumen. „Diese schlimme Zeit wurde nicht totgeschwiegen“, sagt er auch aus der Erfahrung, dass im Haus seiner Großeltern und Eltern relativ offen auch darüber gesprochen wurde, dass in Kaiserhof und in den Stollen an der Porta Westfalica Unrecht geschah – weil die Älteren sich darauf verlassen konnten, dass die Kinder nicht außerhalb darüber sprachen. Besonders der Großvater erzählte am Abend viel, vom Ersten Weltkrieg, von seiner Gefangenschaft, und irgendwann sagte er auf Platt: „Wie verleiset den Krieg“ – „Wir verlieren den Krieg“. Schon diese Äußerung hätte für ihn, in der Öffentlichkeit getätigt, gefährlich werden können. In den eigenen vier Wänden sprach er dennoch davon.

„Die Leute hatten die Nase voll vom eigenen Leid und wollten nicht mehr darüber reden“

„Danach, als der Krieg vorbei war, hatten die Leute die Nase voll vom eigenen Leid und wollten nicht mehr darüber reden.“ Kauffeld erinnert sich an die Sorgen der Mutter, ob dem Vater als Soldat oder in Kriegsgefangenschaft etwas zugestoßen sei, wie sie tagtäglich auf Post wartete und die schwierige Versorgungslage ist nicht nur ihm noch in Erinnerung. Die Leute mussten „in der schlechten Zeit“, wie sie die Jahre vor der Währungsreform 1948 nannten, sehen, wie sie über die Runden kamen, auch wenn das auf dem Lande einfacher war als in den zerstörten Ballungsräumen in Großstädten oder im Ruhrgebiet. Aber es waren auch viele Flüchtlinge zu versorgen.

Dennoch haben die Senioren von heute das Leid der KZ-Häftlinge damals nicht einfach ausgeblendet und vergessen. „Nach einem Vortrag sprachen mich Leute aus Dützen an, die als Jugendliche mitbekommen hatten, dass Häftlinge, die aus dem Lager geflohen waren, über die Felder mit Mistgabeln verfolgt wurden.“ Dass die Männer aufgehängt wurden, nachdem sie wieder eingefangen waren, schockierte diejenigen, die die Verfolgung mitbekommen hatten, noch bis heute.

Ein älterer Mann hatte als Tischlerlehrling im Stollen auf der Hausberger Seite gearbeitet. „Er hatte als 17-Jähriger miterlebt, wie jemand totgeschlagen wurde“, sagt Robert Kauffeld, dem er von diesem grausigen Erlebnis erzählte.

„Eine Frau aus Herford, deren Vater als Elektriker im Stollen gearbeitet hatte, berichtete zu Hause, dass ein anderer einem Handwerker über einen Häftling, der vielleicht zu entkräftet war und nicht mehr schnell genug arbeiten konnte, sagte: Dann schlag das Schwein doch tot“, berichtet Kauffeld von fürchterlichen Grausamkeiten. Und was noch schrecklicher ist: „Der Geselle tat das.“

„Ein paar Leute hatte ich schon animiert, ihre Erlebnisse für ihre Kinder und Enkel aufzuschreiben“

„Ich habe bei meinen Vorträgen nur alte Leute“, sagt Robert Kauffeld, der sich wünscht, dass die oftmals bitteren Erfahrungen seiner Generation, die aber auch immer wieder gelernt hat, neuen Lebensmut zu schöpfen, nicht verloren gehen. „Ein paar Leute habe ich schon animiert, ihre Erlebnisse für ihre Kinder und Enkel aufzuschreiben.“

Das hat auch ein alter Schulfreund Robert Kauffelds getan, Heinz Walter. Aus Schlesien geflüchtet, verschlug es ihn und seine Mutter nach Barkhausen, wo sie bei Verwandten im Kaiserhof Unterschlupf fanden und Kontakt zur britischen Besatzungsmacht bekamen. Denn an die furchtbaren Jahre, als im Saal des Kaiserhofs hunderte KZ-Häftlinge menschenunwürdig zusammengepfercht waren, schloss sich nahezu nahtlos die Phase an, in der die Briten das Hotel zu Füßen des Kaiser-Wilhelm-Denkmals als Quartier nutzten.

Dabei erlebte der Junge, dass es auch nach Kriegsende offensichtlich immer noch Nazis gab, „die von der Ideologie nicht lassen wollten“. Er bemerkte nämlich, dass es Leute gab, die sich „leise und irgendwie vorsichtig“ mit „88“ grüßten, was weder er noch seine gleichaltrigen Freunde verstanden. Ein älterer Sportkamerad klärte sie auf: Die 8 stand für den achten Buchstaben im Alphabet, 88 für HH oder „Heil Hitler“. Das fand er angesichts des Todes so vieler Menschen und des Verlustes seiner Heimat schon damals als beschämend.

Dass viele Ältere den Lauf der Geschichte rückblickend ähnlich sehen wie er selbst und mancher seiner Gesprächspartner, wird für Robert Kauffeld auch aus der Reaktion einer Zuhörerin deutlich: „Sie kaufte nach einem Vortrag drei Exemplare meines Heftes.“ Das erstaunte selbst den Autor. „Meine Enkel sollen das unbedingt lesen“, antwortete sie auf seine Frage.

Aktuell sind weitere Vortragstermine in Vorbereitung.

Robert Kauffeld

Robert Kauffeld wurde 1933 in Barkhausen an der Porta geboren. Nach seinem Berufsleben in der Stadtverwaltung Minden veröffentlichte er gemeinsam mit dem gebürtigen Barkhauser Dr. Fritz Franzmeyer, der heute in Berlin lebt, mehrere Bücher zu beider Geburtsort und zur Region.

Auch als freier Mitarbeiter für das Mindener Tageblatt befasste sich der vielseitig interessierte Ruheständler mehrfach mit historischen Themen, die er als Jugendlicher zum Teil selbst miterlebt hatte. Sein erster MT-Artikel zum Konzentrationsaußenlager an der Porta – „Dunkles Kapitel Heimatgeschichte“ – erschien im Februar 2002.

Im September 2015 hielt Kauffeld auf Einladung des Präsidenten im Verwaltungsgericht einen Vortrag über das Leben in Barkhausen in der Zeit von 1939 bis 1948. Daran nahmen 110 Zuhörer teil, zu einem zweiten Termin kamen noch einmal 80 Leute.

Weitere Anfragen ganz unterschiedlicher Veranstalter häuften sich. Inzwischen hat Robert Kauffeld seinen Vortrag bereits 13-mal gehalten und damit mehr als 800 Leute erreicht.

Aus der Vortragsreihe ist ein Büchlein mit zahlreichen Fotos und Illustrationen entstanden, das vor einem Jahr erschien: „Das Leben in unserer Heimat 1939 bis 1948 – Kriegsbeginn bis Währungsreform“. Zum Preis von 8,90 Euro ist das 86 Seiten umfassende Heft, dessen Druck von der WEZ-Gruppe gefördert wurde, in den Geschäftsstellen der Sparkasse Porta Westfalica und bei den Vorträgen des Autors erhältlich.

Bildunterschrift: Gern eingeladener Gast: Robert Kauffeld musste seinen Vortrag schon mehr als ein Dutzend Mal halten. Etliche überließen ihm eigene Aufzeichnungen oder begannen, ihre Erlebnisse aufzuschreiben.

Alles zitiert nach hiergeblieben.de

 
Siehe auch: „Warum Deutschland die Gespenster der Vergangenheit und seine Mitläuferschuld nicht los wird.

 

 

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