„Als die Brücken brachen …“

 

Die beiden Artikel bitte in umgekehrter Reihenfolge lesen: 1. (unten) „Als die Brücken brachen”, dann hier oben 2. „Die Amerikaner sind da!” …

 

Mindener Tageblatt , 06.04.2020 :

„Die Amerikaner sind da!“

MT-Serie: Am 6. April 1945 überquerten US-Soldaten die Weser / Der MT-Autor hat als zwölfjähriger Junge in Barkhausen alles hautnah miterlebt und seine Erinnerungen aufgeschrieben

Robert Kauffeld

Minden (rkm). „Die Amerikaner sind da!“ Blitzschnell verbreitete sich diese Meldung in der großen Stollenanlage unter dem Denkmal in Porta, wo zahlreiche Barkhauser Bürger Schutz gesucht hatten. Schon Tage vorher, es war April 1945, hatte man Detonationen hören können, die von Kämpfen in südlicher Richtung zeugten. Die Front näherte sich und der Stollen war für die Bevölkerung freigegeben worden. Hier konnte man sich sicher fühlen, denn der zwischen Kaiserstraße und Stufenweg gebaute Luftschutzstollen hätte kaum schwerem Beschuss standgehalten.

Während auf der Portastraße deutsche Soldaten marschierten, Panzer und Geschütze rollten, hatte ich mit Mutter und Großeltern – Vater war noch Soldat – den Stollen aufgesucht. Hier haben wir mehrere Tage und Nächte verbracht, wo ich noch einige Jahre vorher mit selbst gebastelten Fackeln die verlassenen Höhlen erkundet und Fledermäuse beobachtet hatte.

Geschlafen wurde zwischen riesigen Drehmaschinen auf dem Betonfußboden, der auch durch eine Wolldecke kaum weicher wurde. Durch Öffnungen in der Außenwand beobachteten wir Tieffliegerangriffe auf Bahnanlagen und auch Flugzeuge, die im Sturzflug Bomben auf Lerbeck abwarfen.

Im Stollen konnten Kinder ohne Aufsicht umherstreifen

Im Stollen war keine Aufsicht, so dass wir Kinder unsere Entdeckungen machen und alles prüfen konnten mit der Frage, ob es irgendwann für irgendetwas zu gebrauchen oder einzutauschen sei. Dicke blanke Kugeln – hier waren Kugellager produziert worden – waren zumindest zum Spielen geeignet.

Dann kam die Nachricht, dass amerikanische Panzer durch das Dorf rollten. Wir mussten weiter im Stollen bleiben, um uns gegen den Beschuss der deutschen Artillerie zu schützen. Ein Haus an der Fährstraße ging in Flammen auf. Ein Bürger wurde verletzt und wurde mit dem Handwagen zum Krankenhaus nach Minden transportiert.

Würde unser Haus noch stehen? Gespannt verließen wir den Stollen und sahen wieder Soldaten, Panzer und Geschütze, die jetzt aber die Zeichen der amerikanischen Wehrmacht trugen. Ein Gefühl der Befreiung wollte nicht aufkommen, wussten wir doch, dass es noch unsere Feinde waren, die vielleicht unter dem Eindruck standen, im Kampf gegen deutsche Soldaten Kameraden verloren zu haben. Angst hatten wir nicht, auch nicht, als wir – für mich war es das erste Mal – „Neger“ sahen, diesen Ausdruck aber keineswegs als Beleidigung empfanden.

Unser Haus war unversehrt. Hinter den Gardinen betrachteten wir das Geschehen, und besuchten bald die Nachbarn. Für uns Kinder wurde der Kreis unserer Erkundungen immer größer. Wir sahen die gesprengte Kettenbrücke und die „Grüne Brücke“, deren Reste heute rostfarben sind. Unmittelbar südlich dieser Brücke haben die Amerikaner erstmals die Weser überquert. Überall Spuren der Kriegshandlungen. Handgranaten, Gewehrgranaten, sogar Waffen der deutschen Wehrmacht lagen umher. Uninteressant für uns. Doch die Schwimmwesten wurden schnell unsere Beute. Und noch etwas: Da lagen Verpflegungspäckchen, die die Aufschrift „Breakfast“, „Dinner“ oder „Supper“ trugen und wohl während der Kampfhandlungen nur teilweise geleert worden waren. Manchmal fehlten nur die Zigaretten. Kekse, Kaffeepulver und Dosen mit Fleisch, manchmal auch Schokolade, wurden von uns „erbeutet“.

Es dauerte nur wenige Tage, als wir auf großen Plakaten Anweisungen der Besatzungsmacht lesen konnten. Plünderungen sollten strengstens geahndet werden. Die männlichen Einwohner wurde angewiesen, Offiziere der Armee in passender Weise zu grüßen, „auch dass man ihnen beim Begegnen auf dem Bürgersteig in anständiger Weise Platz macht“.

Alles sollte wieder seine Ordnung haben, doch für die Plünderung der Proviantmagazine der früheren deutschen Wehrmacht hat sich die deutsche Bevölkerung eigene Gesetze gegeben.

75 Jahre Kriegsende

Zur Zeit ist das Interesse an den persönlichen Geschichten der Männer und Frauen, die das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, besonders groß. Denn im Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Das MT berichtet in den kommenden Monaten darüber.

Wer selbst als Zeitzeuge seine über seine Erinnerungen erzählen möchte: Kontakt (0571) 88273 oder lokales@mt.de.

Bildunterschrift: Wenige Tage nach der Überquerung der Weser bauten die US-Soldaten eine Pontonbrücke neben der gesprengten Kettenbrücke.

Bildunterschrift: An der Stelle, wo die US-Truppen die Weser überquert hatten, fand man Verpflegungspäckchen, die immer noch Verwertbares enthielten.

Bildunterschrift: Trotz einer Wolldecke waren die Nächte neben und unter den großen Drehmaschinen eine harte Prüfung.

Bildunterschrift: Im Stollen konnten Kinder ohne Aufsicht umherstreifen.

Bildunterschrift: Die alliierte Militärregierung ordnete schon nach wenigen Tagen an, wie sich die Bevölkerung zu verhalten habe.

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Mindener Tageblatt, 04./05.04.2020:

Als die Brücken brachen

Kriegsende vor 75 Jahren: Am 4. April 1945 sprengte die Wehrmacht fast alle verkehrswichtigen Bauwerke über den Mittellandkanal und die Weser / Kurz vor Mitternacht waren die Kanadier in der Stadt

Jürgen Langenkämper

Minden. Vor 75 Jahren ging in Minden der Zweite Weltkrieg zu Ende, nicht unblutig und nicht ohne Tote. Aber es kam nicht zu den gewaltigen Kampfhandlungen, die das rücksichtslose NS-Regime an der imaginären „Weser-Linie“ gern inszeniert hätte. Dazu war es schon nicht mehr imstande.

Dennoch hinterließen die letzten Stunden des Nationalsozialismus in Minden noch langanhaltende Schäden, unter denen vor allem die deutsche Bevölkerung über Jahre zu leiden hatte. Am 4. April 1945 sprengte die Wehrmacht alle Brücken über die Weser zwischen Eisbergen und Minden, selbst die Kanalüberführung, und fast alle Brücken über den Mittellandkanal. Trotzdem standen kurz vor Mitternacht kanadische Soldaten auf dem Markt mitten in der Stadt.

Am 2. April, Ostermontag, hatten die Amerikaner die russischen Kriegsgefangenen im Stalag 326 bei Stukenbrock befreit. Am 3. April drangen sie über Bielefeld bis nach Bad Oeynhausen vor und die Briten bis nach Lübbecke. Während die Amerikaner Schwierigkeiten hatten, weiter auf die Porta Westfalica, eingeengt zwischen Wiehengebirge und Weser, vorzurücken, kamen die Engländer bei ihrem Vorstoß über Hille in Richtung Petershagen schneller voran – so schnell, dass das 1. Kanadische Fallschirmjäger-Bataillon unter Lieutenant Colonel Eadie überraschend in den Außenbezirken Mindens vorstoßen konnte.

Damit hatte die letzte Stunde für die zahlreichen Brücken im Stadtgebiet geschlagen. Die längst angebrachten Sprengladungen wurden gezündet, nicht immer von Pionieren oder Wehrmachtssoldaten. Oft mussten Volkssturmmänner diese Aufgabe übernehmen, besonders an den kleineren Brücken. Die Sprengung der Brücke der Stiftsallee zerstörte das Bauwerk nur zum Teil.

Die Brücken der Sandtrift und der benachbarten kleinen Beethovenbrücke blieben sogar ganz erhalten, weil Landwirte umliegender Gehöfte, meist Veteranen des Ersten Weltkriegs, längst erkannt hatten, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Aber sie hatten Felder oder Wiesen auf der jeweils anderen Seite des Kanals und wollten nicht davon abgeschnitten sein. Sie sollen sogar einen Posten namens „Wacholder-Jupp“ mit Schrotflinten umringt und gedroht haben: „Wenn du die Brücke sprengst, schießen wir dich tot.“ Danach gingen alle nach Haus und schwiegen über die Aktion.

Denn ungefährlich war ein solch mutiges Handeln nicht. Gerade erst am 1. April hatte der „Sender Werwolf“ einen flammenden Aufruf zum Widerstand hinter den feindlichen Linien in den besetzten Landesteilen ausgestrahlt, und in mehreren Orten waren kapitulationsbereite Bürgermeister und Menschen von der SS und NS-Fanatikern ermordet worden.

Auch die Zerstörung der bereits nach Bombentreffern leer gelaufenen Kanalüberführung erschien dem damit beauftragten Pionierkommandeur sinnlos, sodass er an übergeordneter Stelle in Hannover um Aufhebung des Befehls ersuchte. Doch der Kradmelder mit dem Gegenbefehl traf wegen unterbrochener Telefonleitungen nach Berlin 35 Minuten zu spät in Minden ein. Gegen 20 Uhr wurden die beiden östlichen Brückenbögen über die Weser gesprengt – mit einem solch ohrenbetäubenden Lärm, dass Menschen in einem Luftschutzbunker in der Sympherstraße dachten, sie hätten einen Volltreffer erhalten, wie sich der damals sechsjährige Günter Schonhofen erinnert.

Kurz nach 21 Uhr wurde die damals wichtigste Verbindung für Fahrzeuge und Fußgänger über den Fluss, die Weserbrücke, gesprengt. Dadurch wurden auch die unter der Fahrbahn verlaufenden Versorgungsleitungen zum rechten Weserufer zerstört, wie der Historiker Dr. Hans Nordsiek in seinem Buch „Die verdunkelte Stadt“ schreibt, „so dass der östliche Stadtteil Mindens nun ohne Elektrizität, Gas und Leitungswasser war“.

Dafür wurde noch vom Brückenkopf über die Weser herübergeschossen, als sich die Kanadier dem Flussufer näherten. Dennoch konnten die alliierten Truppen gegen 2.30 Uhr am Donnerstag, 5. April, melden, dass sie die Stadt gesäubert hätten, was aber nur für das linke Weserufer galt. Der frühe Einmarsch ersparte der Stadt und ihren Menschen einen für den Tag geplanten Angriff mit 350 B-17-Bombern.

Am 6. April gingen die Briten bei Wietersheim über die Weser. Die Amerikaner setzten in Barkhausen über.

Der Autor ist erreichbar unter Telefon (0571) 882168 oder Juergen.Langenkaemper@MT.de.

Bildunterschrift: Sinnlose Tat: Die Kanalüberführung wurde am Abend des 4. April 1945 gesprengt. Bis 1949 war die Schifffahrt behindert.

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Am 4. April 1945 gelangte das 1. kanadische Fallschirmjäger-Bataillon in den Abendstunden, von Westen her in die Stadt Minden, stand um kurz vor Mitternacht auf dem Marktplatz, die Stadt Minden war besetzt.

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www.mindener-geschichtsverein.de

www.lwl.org/westfaelische-geschichte/txt/wz-7448.pdf

( Alles zitiert nach  hiergeblieben.de )

 

 

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