„Abschiebung kurz vor Weihnachten“

 

Neue Westfälische – Bielefelder Tageblatt, 23.12.2017:

Kommentar / Abschiebung kurz vor Weihnachten

Die Gesichter bleiben

Kurt Ehmke

Wer Pit Clausen nach den für ihn schwersten Tagen im Amt fragt, erhält als Antwort: „Das sind Tage mit Entscheidungen, von denen die Öffentlichkeit oft nichts mitbekommt.“

Der Oberbürgermeister meint damit Tage, an denen er persönlich Abschiebungen bestätigen muss. Tage, wie kürzlich erst. Eine junge Mutter aus Ghana musste zurück – mit ihren vier Mädels. Nach zehn Jahren in Europa (fast der Hälfte ihres Lebens), musste sie gehen, abgeholt wurde sie im Dunkel des Morgens. Ihren kleinen Mädchen wurde erzählt, es ginge in den Urlaub. Der Vater hatte sich vorher noch abgesetzt.

Wer in die Gesichter dieser Menschen gesehen hat, wer gelesen hat, dass sie jahrelang als Wanderarbeiter in Europa gearbeitet haben, dass die Kinder in Italien geboren worden sind, dass in Altenhagen Menschen für sie da waren, sie integrierten, ihnen halfen – und dass es Kita- und Schulplätze gab sowie Angebote für Ausbildung und Job, wer all das gelesen hat, der kann dieses Weihnachtsfest nicht so entspannt feiern, wie sonst üblich.

Es ist dieser fürchterliche Spagat zwischen dem Recht auf Asyl, auf Schutz, aber eben nicht nur alleine auf wirtschaftliche Vorteile in Deutschland, der hier ein Gesicht, nein, sechs Gesichter bekommen hat.

Ich, ganz persönlich, finde dazu keine Wahrheit, keine klare Haltung und keine Worte, die alles korrekt auf den Punkt bringen. Ich weiß nur, dass ich am Heiligen Abend die Gesichter dieser Menschen vor Augen haben werde – und mich fragen werde, wie es ihnen in Ghana geht, wo sie niemanden kennen, wo die Mädchen fremd sind. Welches Schicksal erwartet sie? In mein freudiges Weihnachten werden sich sehr nachdenkliche Momente einschleichen.

kurt@nw.de   —   Zitiert nach hiergeblieben.de

 

 

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