Monatsarchiv für Februar 2010

 
 

Hölderlin: Das Schicksal


Das Schicksal


Προσκυνουντες την ειμαρμενην, σοφοι.

Aeschylus


Als von des Friedens heil’gen Talen,

Wo sich die Liebe Kränze wand,

Hinüber zu den Göttermahlen

Des goldnen Alters Zauber schwand,

Als nun des Schicksals eh’rne Rechte,

Die große Meisterin, die Not,

Dem Übermächtigen Geschlechte

Den langen, bittern Kampf gebot;

 

Da sprang er aus der Mutter Wiege,

Da fand er sie, die schöne Spur

Zu seiner Tugend schwerem Siege,

Der Sohn der heiligen Natur;

Der hohen Geister höchste Gabe,

Der Tugend Löwenkraft begann

Im Siege, den ein Götterknabe

Den Ungeheuern abgewann.

 

Es kann die Lust der goldnen Ernte

Im Sonnenbrande nur gedeihn;

Und nur in seinem Blute lernte

Der Kämpfer, frei und stolz zu sein;

Triumph! die Paradiese schwanden,

Wie Flammen aus der Wolke Schoß,

Wie Sonnen aus dem Chaos, wanden

Aus Stürmen sich Heroën los.

 

Der Not ist jede Lust entsprossen,

Und unter Schmerzen nur gedeiht

Das Liebste, was mein Herz genossen,

Der holde Reiz der Menschlichkeit;

So stieg, in tiefer Flut erzogen,

Wohin kein sterblich Auge sah,

Stillächelnd aus den schwarzen Wogen

In stolzer Blüte Cypria.

 

Durch Not vereiniget, beschwuren

Vom Jugendtraume süß berauscht

Den Todesbund die Dioskuren,

Und Schwert und Lanze ward getauscht;

In ihres Herzens Jubel eilten

Sie, wie ein Adlerpaar, zum Streit,

Wie Löwen ihre Beute, teilten

Die Liebenden Unsterblichkeit. –

 

Die Klagen lehrt die Not verachten,

Beschämt und ruhmlos läßt sie nicht

Die Kraft der Jünglinge verschmachten,

Gibt Mut der Brust, dem Geiste Licht;

Der Greise Faust verjüngt sie wieder;

Sie kömmt, wie Gottes Blitz, heran,

Und trümmert Felsenberge nieder,

Und wallt auf Riesen ihre Bahn.

 

Mit ihrem heil’gen Wetterschlage,

Mit Unerbittlichkeit vollbringt

Die Not an Einem großen Tage,

Was kaum Jahrhunderten gelingt;

Und wenn in ihren Ungewittern

Selbst ein Elysium vergeht,

Und Welten ihrem Donner zittern –

Was groß und göttlich ist, besteht. –

 

O du, Gespielin der Kolossen,

O weise, zürnende Natur,

Was je ein Riesenherz beschlossen,

Es keimt’ in deiner Schule nur.

Wohl ist Arkadien entflohen;

Des Lebens beßre Frucht gedeiht

Durch sie, die Mutter der Heroën,

Die eherne Notwendigkeit. –

 

Für meines Lebens goldnen Morgen

Sei Dank, o Pepromene, dir!

Ein Saitenspiel und süße Sorgen

Und Träum’ und Tränen gabst du mir;

Die Flammen und die Stürme schonten

Mein jugendlich Elysium,

Und Ruh’ und stille Liebe thronten

In meines Herzens Heiligtum.

 

Es reife von des Mittags Flamme,

Es reife nun vom Kampf und Schmerz

Die Blüt’ am grenzenlosen Stamme,

Wie Sprosse Gottes, dieses Herz!

Beflügelt Voll dem Sturm, erschwinge

Mein Geist des Lebens höchste Lust,

Der Tugend Siegeslust verjünge

Bei kargem Glücke mir die Brust!

 

Im heiligsten der Stürme falle

Zusammen meine Kerkerwand,

Und herrlicher und freier walle

Mein Geist ins unbekannte Land!

Hier blutet oft der Adler Schwinge;

Auch drüben warte Kampf und Schmerz!

Bis an der Sonnen letzte ringe,

Genährt vom Siege, dieses Herz.


Friedrich Hölderlin, 1793

hrsg.  in der Neuen Thalia von Friedrich Schiller



München, heute vor 67 Jahren …


… Am Morgen ihrer Hinrichtung hat Sophie Scholl einen Traum: Sie trägt ein Kind im weißen Taufkleid einen steilen Berg hinauf. Plötzlich klafft zu ihren Füßen eine Gletscherspalte auf. Sophie legt das Kind auf die andere Seite des Abgrundes – und fällt in die Tiefe. Wenige Stunden später verkündet NS-Richter Roland Freisler im Saal 216 des Schwurgerichts in der Münchner Prielmayerstraße das Urteil: Tod durch die Guillotine. Am 22. Februar 1943, um Punkt 17 Uhr, löst der Henker im Rapportzimmer im Gefängnis München-Stadelheim das Fallbeil aus.

Sophie ist wirklich tot, mit nicht einmal 22 Jahren. Ihr Körper liegt im Abgrund, doch die Vision, das gerettete Kind aus dem Traum, überlebt. Es heißt “FREIHEIT”. Sorgfältig malt Sophie diese acht Großbuchstaben auf die Rückseite ihrer Anklageschrift. Erst Jahrzehnte später, als jemand die Akte Scholl in die Hand nimmt und umdreht, wird das stumme Vermächtnis entdeckt. …

… schreibt Katja Iken in ihrer Rezension der Sophie Scholl-Biographie von Barbara Beuys. 

 Hans Scholl schrieb die Goethe-Zeilen “Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten” vor seiner Ermordung an die Wand seiner Zelle im Palais Wittelsbach.  Es war die Familienlosung der Scholls.

Ehre ihrem und ihrer Freunde Vermächtnis


Gunther Thriene



Hölderlin: Unter den Alpen gesungen

 

Unter den Alpen gesungen


Heilige Unschuld, du der Menschen und der
Götter liebste vertrauteste! du magst im
Hause oder draußen ihnen zu Füßen
      Sitzen, den Alten,

Immerzufriedner Weisheit voll; denn manches
Gute kennet der Mann, doch staunet er, dem
Wild gleich, oft zum Himmel, aber wie rein ist
      Reine, dir alles!

Siehe! das rauhe Tier des Feldes, gerne
Dient und trauet es dir, der stumme Wald spricht
Wie vor Alters, seine Sprüche zu dir, es
      Lehren die Berge

Heil’ge Gesetze dich, und was noch jetzt uns
Vielerfahrenen offenbar der große
Vater werden heißt, du darfst es allein uns
      Helle verkünden.

So mit den Himmlischen allein zu sein, und
Geht vorüber das Licht, und Strom und Wind, und
Zeit eilt hin zum Ort, vor ihnen ein stetes
      Auge zu haben,

Seliger weiß und wünsch’ ich nichts, so lange
Nicht auch mich, wie die Weide, fort die Flut nimmt,
Daß wohl aufgehoben, schlafend dahin ich
      Muß in den Wogen;

Aber es bleibt daheim gern, wer in treuem
Busen Göttliches hält, und frei will ich, so
Lang ich darf, euch all’, ihr Sprachen des Himmels!
      Deuten und singen.

 

Friedrich Hölderlin, 1801 in Hauptwil/Thurgau/Schweiz

 


Die Weltgeschichte – fast schon in anthroposophischer Beleuchtung …

 

… Die Geschichte fragt nicht nach dem Stand der Debatte über sie. Das ist eine der größten Kränkungen, die der aufgeklärte deutsche Intellektuelle zu verarbeiten hat. Sein Wohlverhalten der eigenen Ideologie gegenüber hat ihn ein ganzes Jahrhundert lang keinen Zentimeter weiter gebracht. Und ihm auch keinen Zentimeter Erkenntnis beschert. So begreift er sich weiterhin als Verhandlungsführer unserer Öffentlichkeit mit den Verächtern und Gegnern unserer Werte und unserer Freiheit, und ist gleichzeitig der staatlich subventionierte Fundamentaloppositionelle. …

Aus: Richard Wagner, Die goldene Schere im Kopf

 


Maya …