Monatsarchiv für Juni 2009

 
 

Monte Verità – oder: Bilder und Gegenbilder


Eine Ausstellung zum Thema „Freie Liebe und Anarchie. Schwabing – Monte Verità. Entwürfe gegen das etablierte Leben“ zeigt die Monacensia (Maria-Theresia-Straße 23 in München- Schwabing) vom 1. Juli bis 13. November 2009.


Hans Arp: "Roue Oriflamme" oder "Goldflammendes Rad"

Hans Arp: “Roue Oriflamme” oder “Goldflammendes Rad”


Dazu schreibt die Siebenbürger Zeitung u.a.:

… Der Berg hatte sich gewandelt. Was als lebensreformerische Praxis begonnen hatte – Vegetarismus, Nacktkultur, freie Liebe, Selbstarbeit, Gartenbau, Gleichberechtigung der Frau, Abbau von Herrschaft –, suchte nun seine geistige Verankerung in Theosophie, Anthroposophie, Philosophie, Dichtung und Kunst. Ida Hofmann etwa, zunächst Feministin und Darwinistin, mauserte sich zur Theosophin und Freimaurerin. Gusto Gräser ging seine eigenen Wege. Sein Aufenthalt auf dem Berg dauerte nicht allzulang. Die „vernünftigen“ Anpasser, die Kompromissbereiten warfen ihn hinaus. Gusto wanderte weiter als der wandelnde und leibhaftige „Berg der Wahrheit“. Andere, die Sesshaften, eben jene, die meinten, in einer maßvollen Anpassung ans Übliche Sicherheit zu finden, gingen zugrunde. So auch Karl, der sich ein Besitztum schuf und seinem aus dem Haus vertriebenen Bruder Gusto schrieb: „Dein Streben scheint mir nicht schlecht, im Gegentheil, aber himmelschreiend maßlos und darum eitel, unwahr, unwirklich. Ohne Besitz kannst Du ja nicht leben. Du bist ein von Schönheit und Güte Besessener.“

Karl starb vierundvierzigjährig im Irrenhaus, seine Lebensgefährtin Jenny Hofmann starb im Irrenhaus. Der verbürgerlichte Bruder Ernst starb sechzigjährig an Krebs. Ida Hofmann starb zweiundsechzigjährig in Brasilien. Nur der besitzlose, allseits verachtete und vertriebene Gusto überlebte, wurde trotz äußerster Not in ungeminderter Schaffenskraft achtzig Jahre alt. Der Aufstieg zum Monte Verità war kein Spaziergang gewesen, die Suche nach neuen Lebensformen forderte ihre Opfer. Die Wenigen, die sich diesem „Narrenhaus“ zu nähern wagten, die Dichter, Denker und Künstler, waren klug genug, ihre Besuche und die Wurzel ihrer Erkenntnisse geheim zu halten. Anonym und verschlüsselt, in Gedichten, Romanen und Aktionen, verbreitete sich die Botschaft vom Berg, überlebte im Untergrund und tauchte in den Siebzigerjahren, plötzlich aktuell geworden, wieder an die Oberfläche: als Alternativbewegung, als Umwelt- und Friedensbewegung. Jetzt erwies sich: Die „Narren“ von einst hatten die Zukunft vorweggenommen.

Drei Bücher, die man „Bibeln“ genannt hat, stehen stellvertretend für die Wirkungen, die vom Berg der Siebenbürger ausgingen: Ernst Blochs (des damals noch antibolschewistischen Philosophen) Geist der Utopie, 1917 in Locarno-Monti im Hause Neugeboren abgeschlossen, wurde als „Bibel des Expressionismus“ gefeiert. Hermann Hesses Roman Demian, in dem er seinem Freund und Lehrer Gusto Gräser ein Denkmal setzt, machte als „Bibel der Jugendbewegung“ Furore. Rudolf von Labans Die Welt des Tänzers von 1920, in dem er seine auf dem Monte Verità gewachsene Tanzphilosophie entwirft, galt bald als „Bibel des Ausdruckstanzes“. Drei Grundthemen des Berges sind damit angedeutet: der nie erlahmende Mut zur Utopie, die Suche nach dem eigenen Selbst, die ekstatische Hingabe ans Hier und Jetzt im Bild des zum Tanz begeisterten Leibs.

Gräser, der Unbehauste, Verlachte, der Kriegsdienstverweigerer, der Mystiker, der prophetische Dichter, dessen Werk erst jetzt aus der Versenkung auftaucht – er wird schon heute in Romanen, Gedichten, Liedern, Theaterstücken, Ausstellungen und Filmen als ein Bahnbrecher gefeiert. Man sieht ihn als den „Gandhi des Westens“ oder als „Urvater der Grünen“. In Boston wurde 1993 eine Oper uraufgeführt, in der er „in einer finalen Apotheose durch das von zwei Weltkriegen verwüstete Europa wandert als lebendiger Geist des Widerstands“. Er hat den „Berg der Wahrheit“ nicht nur überlebt, er hat ihn höhergebaut in Wort und Tat.

Hermann Müller


Man ‘google’ einmal zu Gusto Gräser – und man trifft auf eine ähnliche Symptomatologie wie bei Joseph Beuys etcetc. …


Gunther Thriene

 


 

DAS berliner Nazi-PARLAMENT schreibt …

 

… am 22.06.2009:


“… Dass Rudolf Steiner und andere rassistische Esoteriker (Liebenfels, List) von Blom als “Mystiker” bezeichnet werden, ist allerdings ganz verfehlt, ein arger Missgriff. Es zeugt von Unkenntnis des Wesens der Mystik. Ein kleiner Makel in diesem sonst ausgezeichneten Buch. …”


Hätten deutsche Politiker damals auf den anthroposophischen Geisteswissenschaftler Rudolf Steiner gehört, hätte man keine 60 Millionen Tote zählen können, das ist wahr.

Aber wer seine eigenen Kinder frisst, frisst auch Klonfleisch, das ist leider auch wahr …

 

Zu diesem so heutzutage im Berliner Regierungsviertel von eindeutigen Geschichtsklitterern, die sich auch reichlich in anthroposophischen Zusammenhängen tummeln, schwer verunglimpften Rudolf Steiner schrieb übrigens undatiert – vermutlich im April 1925 – das ISRAELITISCHE FAMILIENBLATT HAMBURG folgenden Nachruf:


„Jude ist der einem alteingesessenen und österreichischen Bauerngeschlecht entstammende, kürzlich verstorbene Begründer der anthroposophischen Bewegung zwar nicht gewesen, aber Zeit seines Lebens ein vorurteilsfreier Mensch und deswegen von den Antisemiten aller Schattierungen gehasst wie nur ein Rassejude und ‚Judengenosse‘ gehasst worden ist….
Alle [seine] Schriften zeugen von außerordentlicher Sachkenntnis, feinstem Mitgefühl und einer Noblesse des Tones, der im Kampfe der Weltanschauungen leider immer seltener geworden ist. [...] Später hat sich Steiner aus dem politischen und literarischen Tagesgezänk in reinere Regionen geflüchtet: in die Welt der religiösen Mystik. Wie man aber auch über sein Werk, die Begründung der anthroposophischen Wissenschaft, denken mag — ein Wahrheits- und Gottsucher von ehrlichem Streben und reinem Willen ist er auch auf diesem Gebiet gewesen.“

 

 Wir sind schon ganz gespannt auf die Würdigung dieses Nachrufes durch DAS PARLAMENT in Berlin. 

 

Gunther Thriene

 


 

Kann ein Katholik Rudolf Steiner lesen und verstehen?

 

Radio Eriwan antwortet:

Im Prinzip ja, aber – schon Rainer Maria Rilke schrieb bereits 1925 diese Warnung:


“… Wenn man den Fehler begeht, katholische Begriffe des Todes, des Jenseits und der Ewigkeit an die Elegien oder Sonette zu halten, so entfernt man sich völlig von ihrem Ausgang und bereitet sich ein immer gründlicheres Mißverstehen vor. …”

 


 

Anthroposophischer Seelenkalender

 

Ostersonntag 2010 war am 04. April 2010 …

Auf die Frage bezüglich der Datenverschiebung von Jahr zu Jahr antwortete Rudolf Steiner: Die Hauptsache sei, daß immer mit der ersten Strophe zu Ostern begonnen werde. Die Verschiebung habe nicht viel zu bedeuten, da er immer drei Strophen der Wochensprüche in der gleichen Stimmung gehalten habe.

also werden zu den hier gemachten Datenzahlen bis Ostern 2011 3 (drei) Tage hinzugezählt.

The Calendar of the Soul Verses by Rudolf Steiner, English Translations by Tom Mellett

Dazu machte Tom Mellett folgende wichtige Bemerkung:

Man fängt zu Ostern an. Der Polarvers (Gegenspruch) ist der 52. Um die dynamische Bewegung zu beobachten, gehe man gleichzeitig mit den zwei Zeigefingern spazieren. Bitte drücke den linken Finger auf #1 und lass die fortwahrenden Nummern rechtsläufig gleiten. Mit dem rechten Finger drücke auf #52 und geh auch rechtsherum, aber in absteigender Reihenfolge. Wenn der linke Finger den Gipfel beim 13. Vers erreicht, dann kommt der rechte Finger am Tiefpunkt beim 40. an. Danach nähern sich die Finger an, bis sie an 26 & 27 vorbeigehen.

Um einfach zu rechnen, wende diese Gleichung an: die Nummer eines Vers + die Nummer seines polarischen Vers = 53 , oder [ p = 53 – v ] (p = Polarvers; v = originaler Vers)

Die zeitgebundene Gleichung würde sein:
p = v + 26 (vom 1. Vers bis einschließlich 26.)
p = v – 26 (vom 27. bis einschließlich 52.)

Aber das geht nicht im Seelenkalendar,  sondern im regelmässigen alltäglichen äusseren Jahreslauf.  Z.B.  ist die Walpurgisnacht, der 30. April, immer halbjährig entfernt von Halloween, dem 31. Oktober. Oder die Sommersonnenwende ist immer 6 Monate von der Wintersonnenwende entfernt. Zwar gibt’s ein echtes Muster, aber in der menschlichen Seele geht der innere Jahreslauf mit einem Kreuzmuster versehen. Und der Kreuzungspunkt findet in der Michaeli-Gezeit mit den 26. und 27. Versen statt.

 


 

Verhinderung der Klassenarbeit – garantiert …

 

… oder: Bildungsstreik auf berlinisch …


Unfall

Reizgas in der Schule

An einer Oberschule im Berliner Stadtteil Wedding sind am Donnerstagmorgen 13 Menschen durch Reizgas leicht verletzt worden.

Wie die rbb-Welle radioBerlin 88,8 berichtet, wurde das Gas in einer neunten Klasse versprüht, in der eine Klassenarbeit geschrieben werden sollte.

Nach Angaben der Feuerwehr klagten zehn Schüler und drei Lehrer über leichte Reizungen der Augen und der Atemwege. Sie wurden in die umliegenden Krankenhäuser gebracht.

Stand vom 18.06.2009

 

 

 

Buchenwald – oder: Das goethische Versprechen …

 

Wer um die weltgeschichtliche Tragik dieses Ortes weiss, wird still und ehrfürchtig:

Besagter Gedenkort eines Menschheitsverbrechens ist das weltgeschichtliche Gegenbild eines hier quasi künstlerisch geborenen zukünftigen Menschenbildes von weltkultureller Bedeutung:

Während die hohe Politik dieses Mahnmal besucht, schreibt die berliner Schaubühne am Lehniner Platz zu ihrer Neuinszenierung von Goethes Iphigenie auf Tauris:

Für Thomas Mann gab es, bevor er die Partitur von »Tristan und Isolde« sah, nur ein perfektes Kunstwerk in der Welt: Goethes »Iphigenie auf Tauris«. Die beängstigende Ausgewogenheit, in die Goethe den blutigen Mythos der letzten Nachkommen des Tantaliden Geschlechts gebracht hat, provoziert jede Epoche neu, sich über das Verhältnis von Barbarei und Kunst zu verständigen. Die Handlung ist bis zur Unverständlichkeit grausam. Die Sprache, in der diese Gewalt sich vollzieht, ist bis zur Unverständlichkeit hochgestimmte Weltliteratur.
Iphigenie lebt nach ihrer wundersamen Rettung vor der Opferung durch ihren Vater im feindlichen Tauris. Dort regiert ein grausames Gesetz, dass den Tod jedes Fremden befiehlt. Im laufe der Jahre ihrer dortigen Gefangenschaft gewinnt Iphigenie das Herz des Herrschers Thoas und kann als Priesterin für die Gestrandeten Gnade erwirken. Doch Thoas will sich mit der Milde seiner gefangenen Priesterin nicht mehr begnügen, er fordert ihre Liebe nun ganz für sich. Zugleich wird die Gefangennahme zweier Männer verkündet, deren baldige Opferung der Preis sein soll, wenn Iphigenie sich länger seinem Begehren entzieht. Die Gefangenen, Orest und Pylades, sind auf der Flucht vor den Rachegöttinnen, die den Muttermord an Orest rächen wollen. Die lange getrennten Geschwister, Iphigenie und Orest, erkennen sich hinter den Masken ihrer Leiden nur mühsam wieder. Gemeinsam entwerfen sie einen Plan, wie sie aus der Gefangenschaft ihrer blutigen Familiengeschichte ebenso wie aus der Gefahr, von Thoas getötet zu werden, entfliehen können.
In den schönsten Jamben der deutschen Literatur entfaltet sich die Geschichte der gefangenen Kinder, die in einer Welt leben, in der Goethes Weimar in der Nachbarschaft von Buchenwald liegt.

Mit Thomas Manns Urteil erstem Teil einig – und dies auch durch keinen einzigen Wagner-Knecht dieser Welt revidieren lassen wollend -, weist uns Goethe in seiner Iphigenie doch auf eine, nein,  d i e  Erlösungsmöglichkeit bisher tragischen Schicksals hin.

Iphigenie zu ihrem Herrscher Thoas, der sie und ihren erkannten Bruder Orest töten könnte:

“… Rettet mich – Und rettet euer Bild in meiner Seele.”

Die Künstler in Berlin, die sich getrauen, gerade dieses Schauspiel jetzt in der deutschen Bundeshauptstadt aufzuführen, zeigen damit auf, dass es einen kulturellen Impuls gibt, der erst zukünftig verwirklicht werden muss. Sie retten Seelenbilder machtpolitisch schrecklich missbrauchten Deutschtums.

Es gibt dazu eigentlich keine Alternative. Buchenwald ist das treffende Mahnmal für weltgeschichtliches Versagen. – Goethes Iphigenie aber ist die ewige Schule für Menschlichkeit.

Barack Obama zumindest ahnt das …

 

Gunther Thriene