Monatsarchiv für Januar 2009

 
 

Apropos: “Integrationsprognose vollkommen negativ …”

 

Es gibt nichts Besseres, als so – authentisch geschildert – die Wirklichkeit von Gedanken zu erleben:

… Ganz offenbar waren es seine Mutter und deren Eltern, die dem kleinen Barack das Motto für den späteren Wahlkampf als Senator Obama liefern. „Yes you can!“, lassen sie den Sohn und Enkel immer und immer wieder wissen. Nicht exakt mit diesen Worten. Nicht laut. Aber durch ihre Haltung. Ermutigung ist ihr Leitmotiv – Ermutigung und noch mal Ermutigung. Bei ihnen wächst ein farbiges, vaterloses Kind auf, und wie um doppelt und dreifach das Stigma umzustülpen in sein Gegenteil, stützen und fördern sie, lieben und loben sie ihn, wie sie können. So oft sie konnte, erklärte die weiße Mutter ihrem dunkelhäutigen Sohn, dass niemand Vorbildhafteres existieren könne als sein abwesender, afrikanischer Vater – und ausgezeichnete Schwarze überhaupt.

„Sie kam mit Büchern über die Bürgerrechtsbewegung nach Hause, mit Platten von Mahalia Jackson, mit den Reden von Martin Luther King.“ Harry Belafonte war für sie „der attraktivste Mann der Welt“, begeistert war sie von Sidney Poitier. Mit ihrer anrührenden Verkehrung des Rassismus festigte die Mutter das Selbstvertrauen des Kindes. Schockiert stellt der Junge beim Blättern in einer Zeitschrift in der Botschaft von Jakarta fest, dass es Schwarze gibt, die Mittel kaufen, um ihre Haut zu bleichen! Das Weltbild des Neunjährigen wackelt. Es beruhigt sich wieder, aber der Schock hat einen Faden des Zweifels hereingewoben.

Was sich in diesem Buch über den Mann erfahren lässt, der kommende Woche zum Präsidenten der Vereinigten Staaten eingeschworen wird, ist nicht nur so beeindruckend, weil „Dreams from My Father“ jenseits jeglichen politischen Kalküls verfasst wurde und damit aus der Reihe der Autobiographien von Staatsmännern herausfällt. Die literarische Frische und auch die Schonungslosigkeit dieses Berichts machen seinen Zauber aus. Wie produktiv ein junger Aktivist und Hochschullehrer seine Selbstzweifel erfasst, wie klar er erkennt, ob und wann er radikalen Attitüden aufgesessen ist, wie uneitel er das Reifen seiner intellektuellen und pragmatischen Einsichten begriffen hat, das ist, um ein Wort zu verwenden, das sehr sparsam eingesetzt werden sollte: atemberaubend.

DER TAGESSPIEGEL, Berlin, 12.01.2009

Das Zitat bezieht sich auf das o.g. 1995 im englischen Original erschienene Buch, in deutscher Übersetzung:

Barack Obama: Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie. Hanser, München 2008. 444 S.

 

DER TAGESSPIEGEL schreibt in der Rezension auch: “… Etwas irreführend ist aber auch der für die deutsche Ausgabe frei gewählte Titel „Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie“. Obamas Absicht war es ja weder, eine Familienchronik festzuhalten noch das Werden seiner eigenen Ikone als Traummann der USA zu beschwören. Ihm ging es sehr konkret um die Suche nach persönlicher Integrität auf einer Reise zu sich und den Anderen. …”.

Schlägt man die letzte Seite um und das Buch zu, ist man doch der Auffassung, dass der deutsche Titel stimmig gewählt wurde: Man hält eine grundehrliche Suche eines Menschen in Händen, der auf Hawaii geboren wie wunderbar drei Kontinente, drei Lebenswelten: Nordamerika, Asien (Indonesien) und Afrika (Kenia) – zumindest in sich vereinen muss, um sich der Frage zu nähern: “Wer bin ich?” – Da der leibliche Vater meistens in anderen Männern grossartigen Ersatz findet, ist dieses Buch insgesamt ein sehr mutiges persönliches ‘amerikanisches Vaterunser’, das uns Europäern die Glaubenswelten der USA so authentisch wie selten nahe bringt.

Im dritten Teil schildert Barack Obama die Begegnung mit seinen afrikanischen ROOTS in Kenia. Und geradezu Begeisterung kann der um Imaginationen bemühte Geisteswissenschaftler im Epilog entwickeln, wenn er und seine Schwester Auma auf einer gemeinsamen Busfahrt das Wesen der Affenbrotbäume schildern:

… Ich entsann mich, irgendwo gelesen zu haben, dass der Affenbrotbaum nur sehr wenig Feuchtigkeit braucht und erst nach vielen Jahren zum ersten Mal blüht; und beim Anblick dieser Bäume im dunstigen Nachmittagslicht wurde mir klar, warum die Menschen ihnen eine besondere spirituelle Kraft zugeschrieben haben, sie als Wohnsitz von Ahnengeistern und Dämonen betrachteten und glaubten, dass der erste Mensch unter einem solchen Baum erschienen sei. Es war nicht bloss ihre ungewöhnliche Form, die sich wie eine geradezu prähistorische Erscheinung vor dem blanken Himmel abzeichnete. “Sie sehen aus, als hätte jeder von ihnen eine Geschichte zu erzählen”, sagte Auma. Ja, das fand ich auch – jeder Baum schien einen eigenen Charakter zu haben, weder gut noch böse, nur ausdauernd, voll unergründlicher Geheimnisse und Weisheiten. Sie wirkten beruhigend und irritierend zugleich, diese Bäume, die so aussahen, als könnten sie sich selbst entwurzeln und einfach davonwandern, wenn sie nicht wüssten, dass der eine Ort auf dieser Welt so gut ist wie jeder andere – dass jeder Moment die ganze Geschichte in sich trägt. …

Das sieht so nur ein ganz grosser Schamane, dem man nur alles erdenklich Gute bei seiner bedeutenden weltpolitischen Aufgabe wünscht.


Gunther Thriene


Wer schützt in Europa 10 Jahre lang einen Mörder?

 

Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man.

Schaut man sich die Welt etwas genauer an, bekommt man da so seine Fragen:

Der Zufall wollte es, dass ich am 14.o1.1999 als Vertretungslehrer vor der Klasse Paul Spirigs im Realschulhaus Engelwies in St. Gallen stand1. Nie in meinem Leben als Lehrer vorher und nachher habe ich mich geistig so intensiv auf ein Unterrichtsgespräch vorbereitet wie an diesem Tage: Was sagst du 14-, 15-, 16jährigen, denen ein Mörder 3 Tage vorher den verehrten, ja geliebten Lehrer kaltblütig wenige Meter vom Klassenzimmer entfernt erschossen hatte!?

Für einen jungen Menschen ist das unbegreifbar, unverarbeitbar – und wir Kollegen dort haben eigentlich die Traumatisierung “auswachsen lassen müssen”: Als der letzte Jahrgang, der diesen Mord miterlebt hatte, die Schule verlassen hatte, war das Thema zumindest nicht mehr täglich präsent …

Diese Erkenntnis ist aber auch eine schwere Last: Solche Traumatisierungen wie im Engelwies oder anderswo sind kaum zu verarbeiten und beschäftigen lebenslang, weil ein Sphäre quasi zerstört ist, die wir Schule hiessen.

Es gibt Grundbedingungen des Lernen und Erziehens2, die heute wieder bewusst “gebildet” im Sinne des Wortes werden müssen, wollen wir nicht in einer unmenschlichen Abartigkeit mit “Ehrenmorden” als Menschen scheitern.

Eine solche Schule weiht sich im Innersten immer dem Wesen, das von sich sagte:  “Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.”

Ist das nicht die Schule, für die Paul Spirig gelebt und so tragisch gestorben ist?

Betrachten wir die 10 Jahre seither und das Resumee des Schulleiters heute:

… Am 27. September 2008 erreichte Andy Prinzing die bislang letzte Nachricht über Ded Gecaj. Das oberste Gericht in Kosovo unter Vorsitz eines amerikanischen Richters hatte ihn aus einer erneuten Auslieferungshaft entlassen. Einmal mehr war die Überstellung an die Schweizer Justiz gescheitert, um die man sich auch nach dem serbischen Skandalurteil im Jahr 2000 bemüht hatte. …

Ist Europa bei Sinnen, solchen Mörder frei und unbestraft zu halten!?

Wir schaffen so nicht Europa, sondern sein Gegenbild, wie der NS-Staat das vollkommene Gegenbild Deutschlands war, ist und immer bleiben wird.


Gunther Thriene


1) DER TAGESSPIEGEL, Berlin recherchierte damals mehrmals: “WARUM IST DER MÖRDER GECAJ FREI?” von Jürgen Schreiber erschien dort im Dezember 2001. – (Als PDF-Datei hier)

2) St. Gallen liegt an der SBB-Bahnstrecke Richtung Basel. Dort umsteigen Richtung Dornach


 

Warum ICH-Biographieberatung keine Waldorfschule ist …


… an denen Kinder und Jugendliche evtl. von jähzornigen Lehrern verprügelt werden*:

… Aber auch der Kulturimpuls Rudolf Steiners ist durch schwere Stunden gegangen. Sein Werk ist früh in linke Hände gefallen. Wer heute in der Anthroposophischen Gesellschaft noch lebendiges Wirken sieht, verwechselt die Aktivitäten dort mit der Geschäftigkeit von Friedhöfen. Die Dornacher Anthroposophische Gesellschaft ist an Steiner selber gescheitert. Der süße Freiheitsduft der lebendigen Anthroposophie war den amtlichen Protagonisten, die sich in der Gesellschaft profitabel einrichten konnten, stets zuwider.
Eine Funktionärsclicque egal ob in Anthroposophischer Gesellschaft, Bund der Waldorfschulen oder Freunde der Erziehungskunst betreibt angeblich Anthroposophie. In Wahrheit sind es Totengräber der anthroposophischen Substanz. Ein neuerliches Dokument aus den Grüften, mit dem die Aufarbeitung der Berliner Krise versucht wurde, beweist den Klammergriff dieser virulenten Lemuren, die am Leichnam werkeln bis zum völligen Verzehr des letzten Lebenssaftes, daß man in der freien Hochschule für Geisteswissenschaft eine berechtigte Einrichtung sehen könnte. Dennoch, es verschlägt einem die Sprache über die Verkommenheit der Moral der bestallten Funktionäre, die sich noch der Erpressungsversuche rühmen, mit denen sie die Wahrheit suchenden Verfasser unter ihre Knute zwingen. Nebenstehende Dokumente sprechen für sich: aufrechte Anthroposophie ist in dieser Gesellschaft nicht möglich. … , …

… schreibt Wolfgang Suhrmann, Berlin.

Ich muss das aus anderer Perspektive leider bestätigen. Innerhalb dieser Gesellschaft und Bewegung treiben sich mittlerweile auch regelrecht kriminelle, menschheitsverbrecherische Elemente herum, die jedwede Zusammenarbeit geradezu verbieten.

Mehr als das Zitat hier zum Beleg sollte einem aber dieser Tatbestand auch nicht wert sein.


GUTES NEUJAHR 2009!

Gunther Thriene


*) Warum sich der Bund der Freien Waldorfschulen in die Nähe krimineller Vereinigungen begibt, indem er lauthals verkündet, dass Rudolf Steiner richtigerweise sich gegen die Prügelstrafe ausgesprochen hat, man aber heute Schulkollegien in den eigenen Reihen duldet, die sogar monatelang Kollegen deckten, die von der Notwendigkeit “pädagogischer Ohrfeigen” auf Elternabenden(!) – und widerspruchslos – schwadronierten, bleibt deren ganz und gar ungeisteswissenschaftliches “Geheimnis”.

Anm.: Seit der Veröffentlichung dieses kurzen Artikels  erhält dieser – nur dieser(!) – tagtäglich geschätzt etwa 5 “Viagra”-Spam-Kommentare. Dies war mir kein Rätsel. Jetzt aber kann man wissen, wer hier vergeblich seinen Absatz zu erhöhen versucht:  “… dann hat Papst Benedikt XVI. bzw. der Vatikan eine Viagra-Fabrik gekauft! Und zwar die „Pfizer“-Produktionsstätte in Nerviano bei Mailand, wie die Wirtschaftszeitung „Milano Finanza“ enthüllte.”, so die Aussage von Frau Marion Knapp, Berlin.