Monatsarchiv für November 2008

 
 

“Der Sack ist zu!”


… würde ein Schweizer zu diesem “genial” luziden Schachzug des römisch-katholischen Klerus sagen1:

Der Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, Kurienkardinal Jean-Louis Tauran, hat den Muslimen dafür gedankt, „Gott zurück in die öffentliche Sphäre Europas“ zu bringen.

Ob es der Christengott ist, der so für Rom durch den Islam zurück nach Europa kommt, mag jeder Mensch allein mit seinem Gewissen ausmachen. Das Gewissen schult man bekanntlich durch Erinnerungskraft2 und Wahrheitsliebe …

Sie glauben es halt – und müssen auf ewiglich ihren Abgott Luzifer anbeten …


Den Geisteswissenschaftler freuts: Man kann sich so ungestört auf Wesentliches konzentrieren.


Gunther Thriene


1) DER STANDARD, Wien, berichtet am 25.01.2009:

“Benedikt XVI. rehabilitiert Holocaust-Leugner

Papst hob per Dekret die Exkommunizierung von vier katholischen Bischöfen auf
Vatikan-Stadt – Ungeachtet jüdischer Proteste hat Papst Benedikt XVI. einen ehemaligen Bischof rehabilitiert, der den Holocaust leugnet. Wie der Vatikan am Samstag mitteilte, hob der Papst mit einem Dekret die Exkommunizierung von vier katholischen Bischöfen aus dem Jahr 1988 auf, die ohne Zustimmung des Vatikans geweiht worden waren. Unter ihnen ist auch der Brite Richard Williamson, der wiederholt das volle Ausmaß des Völkermords an den Juden während des Nationalsozialismus leugnete. So hatte er zuletzt am Mittwoch im schwedischen Fernsehen gesagt: “Ich glaube, dass es keine Gaskammern gegeben hat.” Zudem behauptete er, in den deutschen Konzentrationslagern seien nicht sechs Millionen Juden getötet worden, sondern lediglich bis zu 300.000.

“Abscheulichen Lügner”

Damit droht den katholisch-jüdischen Beziehungen einer der schwersten Schäden seit 50 Jahren. Roms Chefrabbiner befürchtete, die Rehabilitation Williamsons werde “eine tiefe Wunde” aufreißen. Die Dachorganisation der jüdischen Organisationen in Frankreich nannte Williamson einen “abscheulichen Lügner, dessen einziges Ziel es ist, den jahrhundertealten Hass gegen Juden zu schüren.” (Reuters)

2) So schrieb die Fuldaer Bischofskonferenz in einem Hirtenbrief am 26.06.1941, also kurz nach dem Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion: “Geliebte Diözesanen! In schwerster Zeit des Vaterlandes, das auf weiten Fronten einen Krieg von nie gekanntem Ausmaße zu führen hat, mahnen wir euch zu treuer Pflichterfüllung, tapferem Ausharren, opferwilligem Arbeiten und Kämpfen im Dienste unseres Volkes. … Bei der Erfüllung der schweren Pflichten unserer Zeit, bei den harten Heimsuchungen, die im Gefolge des Krieges über euch kommen, möge die trostvolle Gewißheit euch stärken, daß ihr damit nicht nur dem Vaterlande dient, sondern zugleich dem heiligen Willen Gottes folgt, der alles Geschehen, auch das Schicksal der Völker und der einzelnen Menschen in seiner weisen Vorsehung lenkt. …”


Dreigliederung


Ganze Institute beschäftigen sich mit ihr, manchmal aber findet man ihre schönste Begründung einfach so:


Peter Fischer
30. November 2008 21:05 Uhr*

Eigentlich wollte ich zu diesem Thema nicht schreiben, aber auf Grund der vielen von Hass geprägten Beiträge auf beiden Seiten, tue ich es nun doch.

Wie sagte Jesus, wenn man das was da in der Bibel steht glaubt? Bevor Du den Tempel betrittst, vergib!!!
Diesen Satz zu kennen reicht nicht, wenn man nicht auch seine Bedeutung verstehen kann. Es gibt keine Strafe, die irgendeine Tat rückgängig machen könnte!!!
Menschen, die nur in Strafe denken können, haben noch nicht verstanden, dass es eigentlich keine Dualität gibt. Die Dualität stärkt nur das Ego und genau diese Dualität muss überwunden werden, wenn die Menschheit endlich in Frieden leben will!!!


Mehr ist in diesem Falle nicht zu sagen.


*) Eintrag zu dem Zeitpunkt im Anne Will-Blog zur gleichnamigen Sendung, im Archiv leider nicht mehr aufrufbar



“Wie rettet man sein Ich aus den Wirbelstürmen der Zeit?”



Das Weltwachwerden des Widerstandskämpfers

Jochen Köhlers Biographie über Helmuth James von Moltke ist ein Fragment voller Lebensklugheit

Das Leben des Widerstandskämpfers Helmuth James von Moltke endete am 23. Januar 1945 im Gefängnis Berlin-Plötzensee. Wenige Wochen vor Kriegsende wurde der führende Kopf des “Kreisauer Kreises” hingerichtet. Seine nun vorgelegte Biographie von Jochen Köhler bricht bereits mit der Südafrikareise des Ehepaars von Moltke im März 1934 ab. Die späteren Jahre und damit die entscheidenden Metamorphosen und Katastrophen fehlen, weil auch der Biograph vor der Zeit starb. Von doppelter Tragik ist das Fragment also umstellt, und doch atmet es auf jeder Seite eine Daseinsfreude, eine Wissbegier, eine Lebensklugheit, die alles Gerundete und Gesunde hinter sich lassen. “Zack”, schreibt Jochen Köhler einmal über den Liebesbrief des 22-jährigen Helmuth James an seine spätere Frau Freya, “zack, strömte von unten bis oben oder von oben bis unten die Freude in die Achtzehnjährige.”

So formuliert niemand, der sich um historiographische Standards oder akademische Fußnoteneinzelheiten schert. Auch der häufige Rückgriff aufs Imaginierte, wo die Quellenlage Lücken produzierte, irritiert. So ist dies ein ganz anderes Buch als die gründliche Moltke-Biographie von Günter Brakelmann, die Anfang letzten Jahres bei C. H. Beck erschienen ist (SZ vom 29. Januar 2007).

Köhler will das Drama des begabten Kindes erzählen, das eine böse Zeit zum Helden schlug. Die “im eignen Leib gespürte Liebe” war es schließlich, die den allzu vielseitig interessierten Adelsspross grundlegend veränderte. In besagtem Liebesbrief vom 1. September 1929 beschreibt Moltke “das Gefühl, am Anfang einer Entwicklung zu stehen, die mir Höhen erschließen wird, die für mich noch vor vier Wochen unerreichbar waren. Sie haben Herz und Sinne bei mir entwickelt, sodass ich eingesehen habe, dass alles, was der Intellekt ist, was er schafft, nur Ornamente sind und nicht Träger des Lebens.” Nimmt man zur Hochschätzung des Lebens und des Individuums einen ganz bürgerlichen Willen zur Politik hinzu, so hat man zwei wesentliche Eigenschaften beisammen, die den Juristen und Gelegenheitsjournalisten zur Zentralgestalt der Opposition gegen Hitler prädestinierten.

Köhler verwendet manchmal die erste Person Singular, wenn er Moltke meint. Seltsamerweise klingt die Anverwandlung weder kokett noch kitschig. Es ist Köhler um die innere Wahrheit eines Menschen zu tun, dessen Lebensfrage nicht überholt ist: Wie rettet man sein Ich aus den Wirbelstürmen der Zeit? Unvermittelt schließt Köhler darum die nahe und die fernere Vergangenheit Deutschlands, den “Epochenumbruch” vom Wilhelminismus zur Weimarer Republik und jenen von 1989, mit der Gegenwart seines Schreibens kurz: “Viel hängt mitunter von wenigen ab, von recherchierenden Journalisten, beherzten Richtern, phantasievollen Lehrern, von Individuen, die sich ohne lange Absprache gegen Verblödungswellen einsetzen, von sogenannten intakten Familien, die nur deshalb so heißen, weil sie den Strom zivilisatorischer Prozesse zwischen den Generationen vermitteln.”

Helmuth James von Moltke wurde 1907 in eine der bekanntesten deutschen Familien hineingeboren. Für den Ruhm gesorgt hatte Generalfeldmarschall Helmuth Carl Bernhard von Moltke, der “Held von Sedan”, in dessen Gedenkzimmer auf Schloss Kreisau Helmuth James getauft wurde. Köhler porträtiert den Ahnen als Heeresreformer mit außergewöhnlichem “Sinn für Innenverhältnisse fremder Menschen” – darin dem Porträtisten wie dem eigentlich Porträtierten ähnlich. Helmut James” Mutter Dorothy, eine gebürtige Südafrikanerin mit schottischen Wurzeln, überliefert von der Taufe ein sprechendes Detail. Kein Kruzifix, kein religiöses Bild stand hinter dem provisorischen Altar – sondern die Ahnentafel derer von Moltke, zurückreichend bis in die Epoche Heinrichs des Löwen.

Kreisauer Familiengeselligkeit

Wann immer der Stammhalter später versucht sein sollte, sein Glück im Säbelrasseln zu suchen, blieb er dank des mütterlichen Erbes immun. Die Erzählungen von Südafrika, wo “Daddy” Sir James Rose Innes zum Justizminister aufgestiegen war, waren ein Therapeutikum gegen teutonische Barbarismen. Auch Vater Helmuth Adolph, ein melancholischer Schöngeist und Liedsänger, taugte ganz anders als Großonkel Helmuth Johannes Ludwig, der Generalstabschef im Ersten Weltkrieg, nicht zum Musterpreußen. Zusammen mit Ehefrau Dorothy war es sein größter Ehrgeiz, der “Christlichen Wissenschaft” in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen. Seine Leidenschaft galt dem ganz unmetaphorisch gemeinten Gesundbeten. Die ungleichen Helmuth Johannes Ludwig und Helmuth Adolf einte indes ihre Sympathie für die biologisch-dynamische Landwirtschaft. Beide waren mit Rudolf Steiner bekannt, und einmal, weiß Köhler, zerrieben Helmuth James und sein Vater Kuhhörner, vermischten sie mit Dung und Eisenstücken, warfen die Mischung nachts auf den Acker und brachten so “kosmische Wirkungsgesetze zum Flutschen”.

Helmuth James entwickelte auf niederschlesischer Erde eine stabile Heimatliebe. Ein Land, so Köhler, das man eigenhändig umgrub, kann man nur lieben.Die Kindheit auf Gut Kreisau, wo “alles roh, alles ohne Verkleidung” war zwischen Kühen und Gänsen, schuf die bis in den Tod belastbare Überzeugung, dass der Mensch menschlich lebt, wo er frei das Vorgegebene aufnimmt, wo er sich anschmiegt an das personenreiche “Milieu, das mich einhüllt” und das “immer Elemente von mir selbst” enthält. Die Kreisauer “Familiengeselligkeit” blieb das Fluidum der geistigen wie leiblichen Existenz. Sie suchte Moltke später zu weiten hin zur “freien Gesellschaftsbildung”, wie sie der “Löwenberger Arbeitsgemeinschaft” Ende der zwanziger Jahre in ihrem Kampf gegen das Elend der schlesischen Arbeiter und Bauern vorschwebte, und schließlich zu einem friedlichen Europa als “geistiger Einheit” – so Helmuth James 1928, während er an einem gemeinsamen Geschichtsbuch für englische, französische und deutsche Schüler arbeitete.

Die Begrifflichkeit lässt keinen Zweifel, die Rede von Milieu und Geselligkeit, auch von “unseren Leuten” und tanzenden Verhältnissen: Jochen Köhler, der ehemals wegen maoistischer Umtriebe mit einem Lehrverbot belegte Lehrer, war ein Alt-Achtundsechziger. An Moltke faszinierte ihn gerade jene Haltung, mit der dieser einem platten Aktionismus und einem plumpen Politisieren wehrte, die Haltung eines schöpferischen, christlich verschärften Reformers aus Sorge um die Tradition. Sein “rotierendes Leben in den verschiedenen Kreisen” fand genau dann zur menschlichen Mitte, als die meisten Deutschen an den Rändern bestialisch wurden.

Im Vorwort des Verlegers heißt es, der Autor Köhler habe sich rund 25 Jahre mit Moltke beschäftigt, weil er ein symptomatisches “Weltwach- und Erwachsenwerden” beschreiben wollte. Aus dem doppelten Epitaph lässt sich die Lehre ableiten, dass Reife gelingt, wenn Verantwortung für die Heimat und Liebe zur Welt einander ergänzen. Jochen Köhlers Leben endete am 18. Juni 2007 in Berlin. ALEXANDER KISSLER

JOCHEN KÖHLER: Helmuth James von Moltke. Geschichte einer Kindheit und Jugend. Rowohlt, Berlin 2008. 396 Seiten, 22,90 Euro.


AUS der SZ, 27.11.2008. – Zur Entstehungsgeschichte dieser Biographie und zum Autor schreibt der Rowohlt-Verlag hier Näheres.

Als Frage kann man den hier in der Überschrift zitierten Satz durchaus so stehen lassen, aber erweckt er nicht Illusionen, wenn man weiss, wo und wie Helmuth James von Moltke von den Nazis ermordet wurde!?

Die richtige Intuition seiner Mutter viele Jahre vorher fand damals keinerlei Beachtung – und ich fürchte, auch heute würde es einem solch wahrheitsliebenden Menschen nicht sehr viel anders gehen …

Und gerade das ist das offenbare Geheimnis dieser Biographie: Sie spürt den ‘ganz geheimen – und doch offenbaren – kraftgebenden Energiezentren’ einer werdenden Individualität so intensiv nach, wie ich es so noch nirgends las, lesen konnte …


Gunther Thriene


Von anthroposophischen Ehrenmännern und ihren leichten Freudenmädchen …

 

Ohne Worte:

26.11.2008

Anthroposophie als williges «Mädchen für alles»?

Ramon Brüll hat in den infoseiten anthroposophie Herbst 2008 ein Schein-Interview mit Sebastian Jüngel publiziert, das aus einer längeren Korrespondenz – vermutlich per e-mail – zusammengestellt wurde. Jüngel, der Redakteur der Wochenschrift für Anthroposophie Das Goetheanum, zeigt dabei ein naives Vertrauen in die scheinbare Kollegialität seines Duz-Freundes Brüll, wenn er eine gewisse «Verbundenheit der Redakteure» und «ein gewachsenes Verantwortungsgefühl für die durch die Medien geschaffene Öffentlichkeit von Anthroposophie» wahrzunehmen meint. Brüll formuliert für die Entwicklung der Anthroposophie demagogisch vereinfachend die Alternative «verwaltetes Erbe oder öffentlicher Kulturfaktor». Er würdigt zwar die editorische Leistung des Rudolf Steiner Verlages, doch sei die Aufgabe, Rudolf Steiners Vorträge in ein verständliches Schriftdeutsch zu übersetzen, noch nicht ergriffen worden. Wenn «eine anthroposophisch inspirierte Zeitschrift Kulturfaktor» sein wolle, dann sollte sie «nicht von Verbandsinteressen abhängig sein», «keinen Unterschied zwischen Anthroposophen und dem Rest der Welt machen», «eine Vielfalt von Sichtweisen zum Ausdruck bringen und auch unbequeme Fragen zulassen». Was dieses so harmlos Klingende inhaltlich im Sinne von info3 bedeutet, wird ersichtlich aus dem abschließenden Beitrag von Chefredakteur Jens Heisterkamp. Wir veröffentlichen nachfolgend den Kommentar zu Heisterkamps Illusionen von Holger Niederhausen.

Redaktion

In seinem abschließenden Beitrag vergleicht Jens Heisterkamp die «Grundanliegen der Anthroposophie Rudolf Steiners» mit Neale Donald Walshs «Gesprächen mit Gott», mit Ken Wilber und Andrew Cohen und schreibt dann:

«Vielleicht wird mancher sagen: die Zusammenschau solcher unterschiedlichen Richtungen, schon die Tatsache, das Werk Rudolf Steiners in einem Atemzug damit zu nennen, macht die Anthroposophie weniger einzigartig und bringt sie auf einen gefährlichen Kurs der Verwässerung. Man kann es aber auch genau umgekehrt sehen: Dann würde man Anthroposophie nicht als eine kausal nur durch Anthroposophen und ihre Institutionen wirkende ‹Lehre› verstehen, sondern als real inspirierenden Impuls begreifen; Anthroposophie wäre dann kein in den Büchern Rudolf Steiners festgeschriebenes ‹Werk›, sondern ein Menschen und Jahrhunderte übergreifendes Geschehen, das sich in ähnlicher Weise fortentwickelt und immer neue Formen annimmt wie beispielsweise auch das Christentum im Laufe seiner Geschichte immer andere (oft auch sich widersprechende) Metamorphosen angenommen hat. So gesehen wäre Anthroposophie etwas, das eben nicht nur in dem sich auf Rudolf Steiner berufenden Traditionsstrom auftritt, sondern viel universeller gefasst als Realität des erwachenden Bewusstseins der kosmischen Dignität des Menschentums. Hat nicht Rudolf Steiner selbst die Anthroposophie im Kern als ein eigenständiges, gleichsam höheres Wesen charakterisiert? [...]
Es geht hier um die einzigartige Chance am Beginn des 21. Jahrhunderts, sich mit zutiefst verwandten Strömungen und Motiven aktiv zu verbinden und gemeinsam eine verbindende, höhere Wahrheit zu schaffen, die jenseits aller weltanschaulichen Definitionen liegt. [...] Die Anthroposophie könnte derart in eine neue Phase ihrer Erscheinung treten: von einer ersten, abgegrenzten und ganz aus sich selbst schöpfenden Zeit der Gründung über eine Phase des dialogisch-gesellschaftlichen Wirkens (die durch die anthroposophischen Praxisfelder veranlagt ist) zu einer dritten, sich in die Welt hineinopfernden Phase der Raumschaffung für den aktuellen Zeitgeist. Es liegt an uns, diesen Ruf zu hören und uns auf das Wagnis des Neuen, das noch keine klare Kontur hat, einzulassen.»

Was Heisterkamp hier in schlimmer Weise verwechselt und in eines setzt, ist die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit und die Anthroposophie. In der Bewusstseinsentwicklung wirken auf jeden Fall Impulse der geistigen Welt – wobei wir durch Rudolf Steiner wissen, dass die «guten Kräfte» die Menschheit inzwischen frei lassen… Was also wirkt heute noch weiter? Und was ist Anthroposophie? Sie ist ein Entwicklungsweg – der einzige Weg, auf dem der abendländische Mensch in klarer, vollbewusster Weise sich selbst als geistiges Wesen und in die geistige Welt hinein finden kann. Alles, was nicht ein solcher Weg ist oder nicht auf einem solchen Weg erlebt und erkannt ist, ist nicht Anthroposophie.
Das heute viel beschworene «erwachende Bewusstsein» der Menschheit ist ein höchst heterogener Prozess, der fast immer viel mehr mit Illusionen, Träumen, fertigen Gedanken oder unklaren Empfindungen zu tun hat als mit einem klaren Denken. Darüber hinaus bedeutet ein solches erwachtes «Bewusstsein der kosmischen Dignität des Menschentums» noch lange nicht, dass man wirklich sein eigenes, einfaches Denken auch nur in einem ersten Schritt ergriffen hat, um es wirklich zu etwas so Eigenem zu machen, wie es Steiner beschreibt.
Heisterkamp beschwört dann wieder die «zutiefst verwandten Strömungen und Motive» und zeigt damit nur, dass er mehr der oben schon beschriebenen Sehnsucht nach Vereinigung erliegt, als die Anthroposophie wirklich verstanden zu haben. Eine Hilfe könnte die Anthroposophie diesen anderen Strömungen nur sein, wenn sie zunächst in einzelnen Menschen wirklich verwirklicht werden würde. Dies ist ein vollkommen klarer Weg und Prozess, der aber beschritten werden müsste.
Stattdessen schwelgt Heisterkamp in einer vorgestellten dritten Phase der Anthroposophie, in der sie sich «in die Welt hineinopfert», um dem «aktuellen Zeitgeist» Raum zu schaffen. Das reale Einfließen der Anthroposophie in die Lebenspraxis (die «Praxisfelder») wäre dann nur ein Zwischenstadium, dessen Steigerung das Sich-Einlassen auf das «Wagnis des Neuen, das noch keine klare Kontur hat» wäre! Das klingt natürlich wunderbar – auch Heisterkamp schwimmt also auf der Avantgarde-Welle des Zukünftigen ganz vorne mit … wie herrlich!
Anthroposophie ist aber etwas völlig Anderes als ein Sich-Anfreunden mit angeblich «zutiefst verwandten Strömungen», um sich gemeinsam auf «das Neue» einzulassen, das «noch keine klare Kontur hat». Sie ist in völligem Gegenteil dazu ein von Anfang bis Ende klarer Entwicklungsweg, der über das bewusste Denken in harter innerer Arbeit zum Geist führt. Man kann jeden einzelnen Menschen und jede «Strömung» auf diesen Weg hinweisen. Der Weg selbst ändert sich dadurch nicht – er wird unbeliebt bleiben, und es werden wohl auf lange Zeit immer nur Einzelne bleiben, die ihn gehen werden. Doch die verbindende, höhere Wahrheit liegt erst dahinter. Sie wird nicht dadurch geschaffen, dass man sich «verwandten Strömungen» anfreundet, sie wird immer nur im eigenen Inneren gefunden – in «innerster Erkenntnisfeier». Was Menschen, die diese Wahrheit gefunden haben, dann in der Welt neu hervorbringen, ist eine ganz andere Frage. Man sollte sie nicht vor der ersten stellen – denn die erste Frage ist die entscheidende:
Es geht darum, die Anthroposophie in sich Schritt für Schritt zu verwirklichen, statt vor intellektuellem Hochmut völlig abgehoben und illusorisch von «Raumschaffung für den aktuellen Zeitgeist» zu reden. Welcher Zeitgeist das wäre, sollte jedem wahren Anthroposophen klar sein.

Holger Niederhausen

Nachweis Perseus-Verlag, Basel, dort: AKTUELL


Pappnasen für alle!


Dimitri!!!

 

 

Gottfried Benn: Verlorenes Ich

 

 

Verlorenes Ich

 

Verlorenes Ich, zersprengt von Stratosphären,
Opfer des Ion: – Gamma – Strahlen .- Lamm -,
Teilchen und Feld: – Unendlichkeitschimären
Auf deinem grauen Stein von Notre – Dame. 

Die Tage gehen dir ohne Nacht und Morgen,
die Jahre halten ohne Schnee und Frucht
bedrohend das Unendliche verborgen -,
die Welt als Flucht.

Wo endest du, wo lagerst du, wo breiten
Sich deine Sphären an -, Verlust, Gewinn -:
Ein Spiel von Bestien. Ewigkeiten,
an ihren Gittern fliehst du hin.

Der Bestienblick: die Sterne als Kaldaunen,
Der Dschungeltod als Seins- und Schöpfungsgrund,
Mensch, Völkerschlachten, Katalaunen
Hinab den Bestienschlund.

Die Welt zerdacht. Und Raum und Zeiten
Und was die Menschheit wob und wog,
Funktion nur von Unendlichkeiten,
die Mythe log.

Woher, wohin -, nicht Nacht, nicht Morgen,
kein Evoë, kein Requiem,
du möchtest dir ein Stichwort borgen -,
allein bei wem?

Ach, als sich alle einer Mitte neigten
Und auch die Denker nur den Gott gedacht,
sie sich den Hirten und dem Lamm verzweigten,
wenn aus dem Kelch das Blut sie rein gemacht,

und alle rannen aus der einen Wunde,
brachen das Brot, das jeglicher genoss -,
oh ferne zwingende erfüllte Stunde,
die einst auch das verlorene Ich umschloss.

 

                         Gottfried Benn (1943)

 

Der wie Stalingrad oder das tragische Schicksal der Weißen Rose bald 66 2/3 Jahre vergangene Entstehungszeitraum dieses Gedichtes kann hier nur als symptomatischer Hinweis auf ein tragisch-weltgeschichtliches Versäumen dienen, dem zwei Jahre später dann zwangsgewaltig in Japan der Abwurf der Atombomben folgte.

Das Gedicht selbst liegt mit unterschiedlicher Interpunktion und/oder Rechtschreibung vor. Neue Erkenntnissstände dazu werde ich hier jeweils berichtigend veröffentlichen.

 

 

 

 

 

 

 

Rote Riesen-Pappnasen für den gesamten Bund der Freien Waldorfschulen …


… Oder: Wenn Michael Grandt, Autor des SCHWARZBUCHes WALDORF, denen sagen kann: “… Sie sind doch auf einem guten Wege …”

Hier zu hören im SWR2-Radio.

(Nachtrag 07.  Juni 2009: Offensichtlich sind solche Geischtlosigkeiten in seinem Sendegebiet selbst dem SWR2-Radio zu peinlich. Seit heute wird der Link als ‘deaktiviert (broken link)’ gemeldet. – Verständlicherweise … :-)))



Dimitri!!!

 


 

Wall Street und der Aufstieg Hitlers



Das bahnbrechende Werk von Antony C. Sutton (1925–2002) untersucht den von der offiziellen Geschichtsschreibung verdrängten Zusammenhang zwischen Wall Street Bankiers und dem Aufstieg Hitlers. Der Perseus Verlag legt hiermit die deutsche Erstausgabe des vor 33 Jahren auf Englisch erschienenen Klassikers des britischen Historikers Wall Street and the Rise of Hitler vor. Sutton ist unseren Lesern u. a. aus den Europäer-Aufsätzen von Andreas Bracher bekannt.
Während die Halbwahrheit, dass der Hitlerismus mit Hilfe der amerikanischen Streitkräfte 1945 besiegt wurde, in alle Köpfe gehämmert wurde, bleibt die andere Hälfte der Wahrheit, dass derselbe Hitlerismus nur mit Hilfe westlicher (britisch-amerikanischer) Kapitalhilfe überhaupt aufgebaut werden konnte, bis heute ein Tabu akademischer Geschichtsschreibung. Die gegenwärtige Schleuderfahrt der Wall Street-Praktiker, die unter dem rein kommerziellen Motto «Geld stinkt nicht», Geschäfte treiben, wo es eben geht, legt es nahe, auch einmal Wall Streets geschäftliche Verbindungen mit dem Dritten Reich ins Auge zu fassen.
Suttons Buch sollte jedoch nicht als Anklage gegen die Wall Street oder gar gegen «Amerika» gelesen werden, sondern als akribischer Nachweis, wohin eine rein wirtschafts-egoistisch ausgerichtete Denkweise letztlich führen muss – zu einem Bündnis mit menschheitsfeindlichsten Kräften und ihren Trägern. So könnte es zu einem Erwachen für die Notwendigkeit «höherer Zwecke als die Bereicherung» führen, wie sich der weit blickende Laurence Oliphant einmal ausdrückte.

Aus dem Englischen übertragen von Peter Geiger
Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Andreas Bracher

208 S., brosch., Fr. 28.– / Euro 19.–
ISBN 978-3-907564-69-1

«… aktiver und sehr konstruktiver Beitrag …»
Thomas G. Borer, ehem. Schweizer Botschafter


Auf der Verlagsseite finden Sie Leseprobenhier unten.


Der Schulamok von Erfurt …


… wurde exzellent von Ines Geipel nachrecherchiert. Meine Rezension dazu damals bei Amazon:


Schule in staatlicher Verwaltung ist abstrus …

Ich selbst bin Lehrer und habe insbesondere die Seiten in Frau Geipels Buch über den Schulverweis Robert Steinhäusers mit grossem Interesse gelesen. Was dort steht, ist idealtypisch für den selektiven Sozialdarwinismus, der im deutschen Bildungswesen allergrösstenteils herrscht: Nicht, was braucht der einzelne Mensch, um seine Fähigkeiten bestmöglich für die menschliche Gemeinschaft entfalten zu können, wird untersucht, sondern alle – bis hin zum Herrn Bundeskanzler – lassen sich das Diktat erteilen von der schon in sich krankhaften Frage, was der Standort Deutschland für Menschen brauche:
Wer Menschen so “abrichten” muss, braucht sich über den Amoklauf einer sich tödlich verletzt fühlenden Seele, im Alter von 18, 19 Jahren nämlich noch ich-los(!), sondern erst ich-begabt, nicht wirklich zu verwundern: Meine Damen und Herren Bildungspolitiker, Sie weinten und weinen Krokodilstränen nach Erfurt …
Besonders infam äussert sich der damalige Ministerpräsident von Thüringen Bernhard Vogel über dieses wichtige und mutige Buch und seine Autorin, der – nur weil Frau Geibel einen einzigen Satz über röm.-katholisches Trauergebaren verliert – nun gleich den Untergang des Abendlandes wittert …

St. Gallen, 28. Januar 2004

 

Gunther Thriene

 

Ines Geipel: Für heute reicht`s. Amok in Erfurt, Berlin 2004

Gründliche Recherchen und Hintergründe zu diesem katastrophalen Gewalt-Phänomen finden Sie auch hier.

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Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG schreibt am 21.11.2008 auf Seite 18 zu Gewalt in Computerspielen:

Nach dem Spiel ist vor dem Kampf

Machen Gewaltspiele am Computer aggressiv? Neueste Studien aus den USA und Deutschland liefern stichhaltige Beweise. …”

 

 

 

Pappnasen werden in Dornach das ganze Jahr über verteilt …


… insofern freuen wir uns über die Fleissigen, die sie sich in voreilendem Gehorsam selber aufpappen:


… Gleichzeitig verlangte er, dass man mit der eigenen Familie keinen Kontakt mehr habe; er wollte über uns alle die volle Kontrolle. «Bis jetzt haben euch eure Eltern erzogen, nun werde ich euch alles andere lehren, das Wichtige im Leben: Ich flösse euch den Glauben ein.» Immer sprach er über den Glauben: Was ist die Seele, was ist der Geist. All die Anthroposophen unter uns, die etwas älter waren, machten grosse Augen und sagten, ja, das hat Rudolf Steiner auch gesagt. Andere, die um die 25 Jahre alt und unerfahren waren, fühlten sich geehrt, bei solchen Gesprächen überhaupt dabei zu sein. …


Zitat aus der Basler Zeitung vom 12.11.2008*

 

*) Titel damals in der BaZ: “Erpresser-Sekte: Jetzt sprechen ehemalige Mitglieder”




“Spielraum der Freiheit” – oder wie man den auch verspielen kann …

 

Stephan Märki macht in diesem bedeutenden gestern in der SZ erschienenen Artikel richtig und wichtig darauf aufmerksam, dass Kunst nicht die Aufgabe hat, “den Staat” o.s.ä. “zu repräsentieren”, weil ein Staat so die Kunst ihrer eigentlichen Aufgabe beraubt:

 

… Ich meine die Erwartung einiger Menschen, dass ein Theater wie das unsere in Weimar als junges Thüringisches Staatstheater “repräsentativ” sein müsse. Gemeint ist damit wohl die Widerspiegelung des Selbstverständnisses einer oder mehrerer sich für relevant erklärender Gruppen auf der Bühne, in der theatralischen Aktion.

Wir haben Beispiele solcher Repräsentation auf dem Theater des 17. und 18. Jahrhunderts, als der Adel sich gespiegelt sehen wollte, und auch im 19. Jahrhundert, als das Bürgertum an seine Stelle trat. Diese Erwartung ist vor dem Hintergrund der tiefen und wohl irreversiblen Geisteskrise auch des Bürgertums nach zwei Weltkriegen und fortdauernder, wachsender Gewalt selbst im zivilen Bereich vom Theater nicht mehr zu erfüllen, und zwar aus einem schlichten Grund: So lange sich das Theater am Leitbild der Repräsentation orientiert, sucht es Ordnung zu schaffen, Staat zu machen, wie kritisch es sich auch geben mag. Dieser Grundsatz der Vereinheitlichung und Abschließung, der der Repräsentation eigen ist, erfordert den Ausschluss all dessen, was nicht ins Bild passt, was die Repräsentation stört oder sie in Frage stellt. “Repräsentation” so Heiner Müller, “bedeutet Selektion”. Es gibt keine Repräsentation ohne Ausschluss und Opfer.

Gewalt bestimmt nicht nur unser Handeln, sondern auch unser Denken. Kunst und Theater bieten einen Raum an, wo solcher Gewalt im Spiel widersprochen wird: einen ästhetischen Übungsraum für die Zivilgesellschaft.


Der ganze Text hier: “Stephan Märki ist Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Bei dem hier abgedruckten Text handelt es sich um die gekürzte Fassung eines Referats, das Märki bei einer Tagung gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in Weimar gehalten hat.”

Man kann es den politisch etwas Bornierten oder denen mit ganz dunklen Absichten auch mit Goethe1 und Schiller2 und 200 Jahre nach denen nicht oft genug sagen.


Gunther Thriene


 

1) »Natur und Idee lässt sich nicht trennen, ohne dass die Kunst sowie das Leben zerstört werde.«

2) Siehe: »Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen«