Monatsarchiv für Juli 2008

 
 

Ein Burn-Out wird zu Literatur …

 

Eine junge weltbekannte in und bei New York lebende französische Pianistin hat einen Konzerttermin am 09.11.2001 in London. Sie erfährt an diesem Tag, was in ihrer Wahlheimat Furchtbares geschieht – und tritt dennoch sehr ernst und konzentriert wie immer auf.

Erschütterung ist ihr nicht anzumerken. Es ist, als klänge da ein “Dennoch, jetzt erst recht!”, ein Credo für die ewige Kunst.

Jahre später holt sie die Erschöpfung ein. Sie beschreibt, wie es sich anfühlt, die Leere, dieses Nicht-mehr-in-Routine-weiterspielen-Könnens, diese Frage an die ganze eigene künstlerische Existenz.

Sie beschliesst, eine Auszeit zu nehmen, kein Sabbatical, aber doch eine Spanne, um dem Infragegestelltsein auf den Grund zu gehen. Wie sie die ihr möglich erscheinenden Reiseziele schildert, abwägt, schliesslich beschliesst, nach Europa, nach Rom, zu fliegen, hat schon den Duktus eines öffentlich gewordenen Selbstgespräches. Dabei ist sie selbst innerlich ziellos und beschreibt schon fast in goethischer Genialität die Erfahrung des Nicht-selbst-Wollens,-aber-doch-Handelns-aus-dem,-was-mir-die-Welt-entgegenbringt. Scheinbar zufällige Reisebekanntschaften werden ihr zu Fingerdeuten, wo es wohl hingehen mag.

Ein künstlerisches Reise-Tagebuch liegt einem in der Hand, noch nicht Goethes Italienreise*, aber eine doch ganz ähnliche Intention, neue Inspiration suchend:

Hélène Grimaud, LEKTIONEN DES LEBENS – EIN REISETAGEBUCH, 2007

Sie schildert sich ganz authentisch in einer Darstellungform, die die Literaten “inneren Monolog” nennen, was aber falsch ist, weil der innere Monolog immer auch Zwiegespräch mit sich selbst ist, um sich der Inspiration zu nähern, evtl. gar eine Intuition zu haben …

… Was für einen Sinn hatten die Liebe, die Kunst, die Natur, wenn sie nicht mit anderen geteilt wurden? Was für einen Sinn hatte der Heilige in der Wüste? Das perfekte Buch, wenn niemand in ihm blätterte?
Ich war vollkommen ihrer Meinung, wenn sie den trostlosen Anblick der Menschheit in ihrem Leid und, noch trostloser vielleicht, in der Gleichgültigkeit diesem Leid gegenüber – die Menschheit in ihrem schrecklichen Egoismus – angeprangert hatten. Sie war nicht zu leugnen, diese verbissene Maulwurfsmentalität, nur für seinen eigenen Wohlstand zu graben, um immer noch mehr persönliche Reichtümer anzuhäufen und immer noch vergnügungssüchtiger zu sein in einer beispiellosen geistigen Armut, die das Herz zutiefst verletzen musste, so tief, dass man nur noch einen Wunsch hatte: zu fliehen, den Kopf in den Sand zu stecken, die Welt zurückzuweisen und mit ihr die Quellen der Sorge und der Angst. Vielleicht war das ja die wahre Hölle: ein Gedränge von seelenlosen Körpern, die bis zum Rand
mit Lebensmitteln vollgestopfte Einkaufswagen vor sich her schieben, verzweifelt und bereit zu allen Ablehnungen, vorausgesetzt, dass nichts ihr phantastisches Shopping stört, und die den hingerissenen Blick vergessen haben, mit dem sie noch gestern das Neugeborene umhüllten. Und die, schlimmer noch, ihre eigenen Kinder fressen, die sie in den Konsum treiben, um daraus noch mehr Profit zu ziehen. …

EBENDA, SEITE 216

Unbedingt lesenswert!

Unbedingt lesenswert ist, da angesprochen, auch Goethes Tagebuch der Italienischen Reise, die Reiseschrift, die ganz authentisch Goethe zeigt, während die oft dafür gelesene Italienische Reise eine Goetheschrift ist, die er Jahrzehnte später erst – nach Christianes Tod – niederschrieb.


Gunther Thriene

 

Chaos zu Kairos wandeln – und mehr …


Jeder Erwachsene, ja schon fast jeder Jugendliche erlebt sich heute vor einer zerbrochenen, zerbrechenden Welt. Allzuviele scheitern daran, geraten in eine Drogenproblematik etcetc., aus der es auch gute Hilfe gibt:

- im heilpädagogischen Bereich

- im medizinisch-therapeutischen Bereich

- im kunsttherapeutischen Bereich.

Diese Hilfsmöglichkeiten sind zum Teil gut, ja exzellent. Insbesondere nach Inanspruchnahme solcher Hilfen stellt sich für den Menschen aber die Frage nach dem Sinn und Zweck solcher Lebensschwierigkeiten – und er erlebt häufig, dass die wirklich ihm wichtigen Probleme und Fragen nur ganz individuell von ihm selbst gelöst werden können und müssen.

Davor erschrickt man häufig, denn es ist das Erwachen dafür, dass nur ich selbst für dieses, mein Leben verantwortlich bin, ja sein kann: Sehr viele soziale Probleme entstehen daraus, dass jeder Mensch sich offensichtlich erst einmal gegen diese Selbstverantwortlichkeit stemmt – und allen möglichen Mitmenschen und Partnern für seine Misere Schuld zuspricht.

Erkennt man diese Unwahrhaftigkeit sich und anderen gegenüber, beginnt die Suche nach Problemlösungen in einem selbst: Wie verdichte ich mein Leben zum Hören auf das innere Wort, das Gewissen:

Wieso? Das hat man oder hat man nicht!? – Nein, es muss gelernt werden wie andere Dinge auch: “Grosse Menschen” leben es uns häufig unerkannt vor: Wer sich ein bißchen mit deutscher Literatur insbesondere der klassischen Literatur beschäftigt, steht nach ein paar Jahren des Studiums vor der staunenswerten Feststellung, dass diese “Grossen” zum grossen Teil ein ganz gehöriges Schicksal zu tragen hatten, woran sie aber nicht scheiterten, sondern es mutig trugen.

Kennen Sie unter Ihrer Bekanntschaft und/oder Verwandtschaft auch nur einen Menschen, dem das Schicksal zumutet(e), ALLE seine Lieben, seine Ehefrau und Kinder um Jahre, Jahrzehnte zu überleben?

Einen, dem dies geschah, nennen wir heute fälschlich entrückt den Dichterfürsten: Goethe, um ihn andererseits damit – mindestens sträflich – nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen, der selbstironisch, selbsterkennend sagte:  “Man könnt` erzogene Kinder gebären, wenn die Eltern erzogen wären!”

Er ist nur eine kleines Beispiel für die Wucht des Lebens, das ja im letzten Jahrhundert Millionen noch weit härter und grausamer getroffen hat – und immer wieder trifft.

Dieses Lebenschaos droht heute überall. Es ist jedes Menschen Aufgabe, die “Zügel der eigenen Lebens”, wie die Mysterienschulen Griechenlands bereits lehrten, in die Hand zu bekommen.

Arbeit an der eigenen Biographie wird dann, wenn das Leiden verwandelt wird, zur Geistestat.


Gunther Thriene