Archiv der Kategorie ‘Autobiographisches‘

 
 

Apropos: “Integrationsprognose vollkommen negativ …”

 

Es gibt nichts Besseres, als so – authentisch geschildert – die Wirklichkeit von Gedanken zu erleben:

… Ganz offenbar waren es seine Mutter und deren Eltern, die dem kleinen Barack das Motto für den späteren Wahlkampf als Senator Obama liefern. „Yes you can!“, lassen sie den Sohn und Enkel immer und immer wieder wissen. Nicht exakt mit diesen Worten. Nicht laut. Aber durch ihre Haltung. Ermutigung ist ihr Leitmotiv – Ermutigung und noch mal Ermutigung. Bei ihnen wächst ein farbiges, vaterloses Kind auf, und wie um doppelt und dreifach das Stigma umzustülpen in sein Gegenteil, stützen und fördern sie, lieben und loben sie ihn, wie sie können. So oft sie konnte, erklärte die weiße Mutter ihrem dunkelhäutigen Sohn, dass niemand Vorbildhafteres existieren könne als sein abwesender, afrikanischer Vater – und ausgezeichnete Schwarze überhaupt.

„Sie kam mit Büchern über die Bürgerrechtsbewegung nach Hause, mit Platten von Mahalia Jackson, mit den Reden von Martin Luther King.“ Harry Belafonte war für sie „der attraktivste Mann der Welt“, begeistert war sie von Sidney Poitier. Mit ihrer anrührenden Verkehrung des Rassismus festigte die Mutter das Selbstvertrauen des Kindes. Schockiert stellt der Junge beim Blättern in einer Zeitschrift in der Botschaft von Jakarta fest, dass es Schwarze gibt, die Mittel kaufen, um ihre Haut zu bleichen! Das Weltbild des Neunjährigen wackelt. Es beruhigt sich wieder, aber der Schock hat einen Faden des Zweifels hereingewoben.

Was sich in diesem Buch über den Mann erfahren lässt, der kommende Woche zum Präsidenten der Vereinigten Staaten eingeschworen wird, ist nicht nur so beeindruckend, weil „Dreams from My Father“ jenseits jeglichen politischen Kalküls verfasst wurde und damit aus der Reihe der Autobiographien von Staatsmännern herausfällt. Die literarische Frische und auch die Schonungslosigkeit dieses Berichts machen seinen Zauber aus. Wie produktiv ein junger Aktivist und Hochschullehrer seine Selbstzweifel erfasst, wie klar er erkennt, ob und wann er radikalen Attitüden aufgesessen ist, wie uneitel er das Reifen seiner intellektuellen und pragmatischen Einsichten begriffen hat, das ist, um ein Wort zu verwenden, das sehr sparsam eingesetzt werden sollte: atemberaubend.

DER TAGESSPIEGEL, Berlin, 12.01.2009

Das Zitat bezieht sich auf das o.g. 1995 im englischen Original erschienene Buch, in deutscher Übersetzung:

Barack Obama: Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie. Hanser, München 2008. 444 S.

 

DER TAGESSPIEGEL schreibt in der Rezension auch: “… Etwas irreführend ist aber auch der für die deutsche Ausgabe frei gewählte Titel „Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie“. Obamas Absicht war es ja weder, eine Familienchronik festzuhalten noch das Werden seiner eigenen Ikone als Traummann der USA zu beschwören. Ihm ging es sehr konkret um die Suche nach persönlicher Integrität auf einer Reise zu sich und den Anderen. …”.

Schlägt man die letzte Seite um und das Buch zu, ist man doch der Auffassung, dass der deutsche Titel stimmig gewählt wurde: Man hält eine grundehrliche Suche eines Menschen in Händen, der auf Hawaii geboren wie wunderbar drei Kontinente, drei Lebenswelten: Nordamerika, Asien (Indonesien) und Afrika (Kenia) – zumindest in sich vereinen muss, um sich der Frage zu nähern: “Wer bin ich?” – Da der leibliche Vater meistens in anderen Männern grossartigen Ersatz findet, ist dieses Buch insgesamt ein sehr mutiges persönliches ‘amerikanisches Vaterunser’, das uns Europäern die Glaubenswelten der USA so authentisch wie selten nahe bringt.

Im dritten Teil schildert Barack Obama die Begegnung mit seinen afrikanischen ROOTS in Kenia. Und geradezu Begeisterung kann der um Imaginationen bemühte Geisteswissenschaftler im Epilog entwickeln, wenn er und seine Schwester Auma auf einer gemeinsamen Busfahrt das Wesen der Affenbrotbäume schildern:

… Ich entsann mich, irgendwo gelesen zu haben, dass der Affenbrotbaum nur sehr wenig Feuchtigkeit braucht und erst nach vielen Jahren zum ersten Mal blüht; und beim Anblick dieser Bäume im dunstigen Nachmittagslicht wurde mir klar, warum die Menschen ihnen eine besondere spirituelle Kraft zugeschrieben haben, sie als Wohnsitz von Ahnengeistern und Dämonen betrachteten und glaubten, dass der erste Mensch unter einem solchen Baum erschienen sei. Es war nicht bloss ihre ungewöhnliche Form, die sich wie eine geradezu prähistorische Erscheinung vor dem blanken Himmel abzeichnete. “Sie sehen aus, als hätte jeder von ihnen eine Geschichte zu erzählen”, sagte Auma. Ja, das fand ich auch – jeder Baum schien einen eigenen Charakter zu haben, weder gut noch böse, nur ausdauernd, voll unergründlicher Geheimnisse und Weisheiten. Sie wirkten beruhigend und irritierend zugleich, diese Bäume, die so aussahen, als könnten sie sich selbst entwurzeln und einfach davonwandern, wenn sie nicht wüssten, dass der eine Ort auf dieser Welt so gut ist wie jeder andere – dass jeder Moment die ganze Geschichte in sich trägt. …

Das sieht so nur ein ganz grosser Schamane, dem man nur alles erdenklich Gute bei seiner bedeutenden weltpolitischen Aufgabe wünscht.


Gunther Thriene


Über des deutschen Menschen Wurzeln …

 

Oft leben Menschen hier in Mitteleuropa mit und unter uns, deren ganz persönliches Schicksal einem im oberflächlichen Alltagsleben gar nicht bewusst wird:

Was für ein Schicksal hat so ein dunkelhäutiger TATORT-Kommissar, von dem man irgendwie beiläufig erfährt, dass er im Bayerischen gross geworden ist!?

Nach der sog. Wende von 1989 erfuhr der Rechtsradikalismus ganz neue extreme Auswüchse. Regelrechte Progrome und fremdenfeindliche, feige Morde drohten fast wieder Alltag in Deutschland zu werden …

Manchmal aber wird die Wut darüber zu Kraft – und ein Mensch, dem das in bewundernswürdiger Weise gelungen ist, ist Mo Asumang. Aufgeschreckt durch einen rechtsradikalen Liedtext mit Morddrohung, begann sie nach den Ursachen solcher Gewaltgedanken zu suchen:

Was trieb die Nazis damals an, was treibt sie auch heute an? Was macht das, in anderen Menschen ein Feindbild zu sehen, das nur durch Mord scheinbar erleichtert werden kann? Das eigentlich Furchtbare an den Vorgängen in Deutschland nach 1990 ist ja die Tatsache, dass sie uns allen die Unfähigkeit, aus der Geschichte gelernt zu haben, bestätigte.

Deutschland führt gar wieder Krieg? – Was radiert die Traumatisierungen von Stalingrad innert ein, zwei, drei Generationen vollkommen aus?

Mensch, wo ist deine Heimat? Wo ist der Halt?

Das sind ganz persönliche und individuelle Fragen – und “spannend” wird es immer dort, wo Menschen den Mut finden, sie öffentlich zu stellen: Die Gewaltandrohung ist Anlass für Mo Asumang, diese Fragen in ihrem Dokumentarfilm radikal zu stellen: Ihr ghanaesischer Vater, ihre deutsche Mutter: Wie war das damals?

Sie macht sich auf diese Suche nach ihrer Heimat: Nicht nur in Ghana, nicht nur in Deutschland, sondern es tut sich eine geistige Dimension auf, die bisher ihr selbst so unbekannt war.

Und es tut sich auch ein Abgrund auf: Spiritualität kann wie bei den Nazis schwarzmagisch menschheitsverbrecherisch-kriminell mißbraucht werden.

Sie zieht nun von Schule zu Schule – und erzählt:

Ganz  arm dran wären wir in diesem Land ohne sie, ohne Menschen wie sie …


Gunther Thriene


 

“Meine kriminelle Familie …”

 

… wird sich so mancher in höherem Erwachsenenalter unter uns denken, wenn ihm nach den Sturm-und-Drang-Jahren und etwas Familienforschung das Tableau der eigenen Herkunft sich zumindest oberflächlich etwas erschliesst:

Da eine psychiatrisierte komische Tante, dort ein immer etwas alkoholisierter Onkel, dessen Zwangsrekrutierung zur Waffen-SS als Slowake aber natürlich erst nach seinem Tode erstmals bekannt wird, - etcetc.

Das grosse Schweigen dieser Mitteleuropäer durchbrechen nur ganz wenige – und wenn, dann sind es oft erst Nachgeborene, die überhaupt die Sprache wiederfinden.

Eine mutige Journalistin und Autorin weiss tragisch schon seit ihrem 13. Lebensjahr um dieses dunkle Kapitel, lebt daher ein äusserlich ganz anderes Leben – und wird erst durch den Nachlassfund als bald 50jährige auf dem Dachboden ihrer Eltern in einer deutschen Universitätsstadt wieder aufgeschreckt – und schreibt auf:

Ute Scheub, DAS FALSCHE LEBEN – EINE VATERSUCHE, 2006

Der Vater wird beschrieben, wie sie ihn als Kind erlebt hat bis zu seinem schrecklichen öffentlich vollzogenen Selbstmord auf dem Evangelischen Kirchentag  am Killesberg in Stuttgart 1969. Auf dem Podium erlebten das damals heute berühmte Männer – und bewältigen das Erleben bis heute wenig bis nicht …

Die Autorin ist um ihren Mut sehr zu bewundern. - Mein Buch über solche schwarzmagisch-kriminellen Familiengeschichten muss allerdings erst noch geschrieben werden …

Niemand kann etwas für seine Eltern, die oft ganz unbewusst die Traumatisierungen durch die damals offenkundige Schwarzmagie der herrschenden Verbrecher karmisch “weiterreich(t)en”.

Unbedingt lesenswert, weil es den Zusammenhang zwischen NS-Deutschland und “1968″ wie selten ein Stück weit ausleuchtet!


Gunther Thriene

 


 

Ein Burn-Out wird zu Literatur …

 

Eine junge weltbekannte in und bei New York lebende französische Pianistin hat einen Konzerttermin am 09.11.2001 in London. Sie erfährt an diesem Tag, was in ihrer Wahlheimat Furchtbares geschieht – und tritt dennoch sehr ernst und konzentriert wie immer auf.

Erschütterung ist ihr nicht anzumerken. Es ist, als klänge da ein “Dennoch, jetzt erst recht!”, ein Credo für die ewige Kunst.

Jahre später holt sie die Erschöpfung ein. Sie beschreibt, wie es sich anfühlt, die Leere, dieses Nicht-mehr-in-Routine-weiterspielen-Könnens, diese Frage an die ganze eigene künstlerische Existenz.

Sie beschliesst, eine Auszeit zu nehmen, kein Sabbatical, aber doch eine Spanne, um dem Infragegestelltsein auf den Grund zu gehen. Wie sie die ihr möglich erscheinenden Reiseziele schildert, abwägt, schliesslich beschliesst, nach Europa, nach Rom, zu fliegen, hat schon den Duktus eines öffentlich gewordenen Selbstgespräches. Dabei ist sie selbst innerlich ziellos und beschreibt schon fast in goethischer Genialität die Erfahrung des Nicht-selbst-Wollens,-aber-doch-Handelns-aus-dem,-was-mir-die-Welt-entgegenbringt. Scheinbar zufällige Reisebekanntschaften werden ihr zu Fingerdeuten, wo es wohl hingehen mag.

Ein künstlerisches Reise-Tagebuch liegt einem in der Hand, noch nicht Goethes Italienreise*, aber eine doch ganz ähnliche Intention, neue Inspiration suchend:

Hélène Grimaud, LEKTIONEN DES LEBENS – EIN REISETAGEBUCH, 2007

Sie schildert sich ganz authentisch in einer Darstellungform, die die Literaten “inneren Monolog” nennen, was aber falsch ist, weil der innere Monolog immer auch Zwiegespräch mit sich selbst ist, um sich der Inspiration zu nähern, evtl. gar eine Intuition zu haben …

… Was für einen Sinn hatten die Liebe, die Kunst, die Natur, wenn sie nicht mit anderen geteilt wurden? Was für einen Sinn hatte der Heilige in der Wüste? Das perfekte Buch, wenn niemand in ihm blätterte?
Ich war vollkommen ihrer Meinung, wenn sie den trostlosen Anblick der Menschheit in ihrem Leid und, noch trostloser vielleicht, in der Gleichgültigkeit diesem Leid gegenüber – die Menschheit in ihrem schrecklichen Egoismus – angeprangert hatten. Sie war nicht zu leugnen, diese verbissene Maulwurfsmentalität, nur für seinen eigenen Wohlstand zu graben, um immer noch mehr persönliche Reichtümer anzuhäufen und immer noch vergnügungssüchtiger zu sein in einer beispiellosen geistigen Armut, die das Herz zutiefst verletzen musste, so tief, dass man nur noch einen Wunsch hatte: zu fliehen, den Kopf in den Sand zu stecken, die Welt zurückzuweisen und mit ihr die Quellen der Sorge und der Angst. Vielleicht war das ja die wahre Hölle: ein Gedränge von seelenlosen Körpern, die bis zum Rand
mit Lebensmitteln vollgestopfte Einkaufswagen vor sich her schieben, verzweifelt und bereit zu allen Ablehnungen, vorausgesetzt, dass nichts ihr phantastisches Shopping stört, und die den hingerissenen Blick vergessen haben, mit dem sie noch gestern das Neugeborene umhüllten. Und die, schlimmer noch, ihre eigenen Kinder fressen, die sie in den Konsum treiben, um daraus noch mehr Profit zu ziehen. …

EBENDA, SEITE 216

Unbedingt lesenswert!

Unbedingt lesenswert ist, da angesprochen, auch Goethes Tagebuch der Italienischen Reise, die Reiseschrift, die ganz authentisch Goethe zeigt, während die oft dafür gelesene Italienische Reise eine Goetheschrift ist, die er Jahrzehnte später erst – nach Christianes Tod – niederschrieb.


Gunther Thriene